| Faszinierender Traum über menschliche Existenz
Alexander Lang inszenierte „Ein Traumspiel" von August Strindberg. Das Stück hatte am Freitag im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin Premiere. Schwerin (OZ) Als die Glocken läuten, freut sich der Advokat, weil er – wie er annimmt – sogleich promoviert werde. Aber den Lorbeer erhält nicht er, sondern ein Offizier. Und der muss, obwohl doch nun promoviert, anschließend als Schüler die Knabenschule besuchen, um „zu reifen" und sich vom Lehrer maßregeln zu lassen, weil sein Beweis, dass zwei mal zwei wiederum zwei sei, angeblich zwar logisch sei, aber trotzdem falsch.
Logik also darf man überhaupt nicht erwarten in „Ein Traumspiel" des Schweden August Strindberg (1849 – 1912), das am Wochenende im Schweriner Großen Haus erfolgreiche Premiere hatte. Regie führte Alexander Lang, einer der großen Regisseure des deutschen Theaters.
Eigentlich ist das sonderbare Stück aus dem Jahre 1907, jenes kühne Experiment des notorischen Grüblers und Experimentators Strindberg, für eine Bühne außerhalb der Metropolen noch immer ein Risiko. Lang jedoch geht derart souverän mit der Vorlage um, dass die provozierende Rätselhaftigkeit des Werkes, seine bohrende, aber immer auch mitfühlende Betonung des Absurden der menschlichen Existenz, in leuchtender Klarheit und erfrischendem Spielfluss auf die Bühne kommt. Regietheater, das schnörkellos am Text arbeitet. Tatsächlich: ein traumhafter Abend, dem Stephan Fernaus helles Bühnenbild mit vielen Türen den Rahmen gibt.
Das ganze Geschehen ist gestaltet wie ein Traum, regiert nur von der Willkür der Fantasie: Figuren und Szenen tauchen im Zeitraffer und ziemlich grundlos herauf und verschwinden wieder, während andere Episoden und Traumgestalten die Bühne bevölkern.
Die Figuren sind hintergründige Allegorien: Der Offizier, der sich jahrelang vergeblich nach seiner Angebeteten sehnt, ein blinder Souffleur, eine Opernsängerin, die nicht mehr engagiert wurde, ein Plakatankleber, der stolz und doch freudlos seinen grünen Fischkasten als kurioses Statussymbol durch die Gegend trägt.
Das Leben als ständiges Warten, dann als Last und Leiden der Kohlenträger wird ebenso thematisiert wie der Untergang eines Schiffes oder die Verwandtschaft zwischen Dichtkunst, den Träumen und dem Göttlich-Menschlichem. Vier Dekane der theologischen, philosophischen, medizinischen und juristischen Fakultät krabbeln auf allen Vieren über die Bühne und führen sich in ihren Rangstreitereien gegenseitig ad absurdum. Und dann gibt es das große Geheimnis einer verschlossenen Tür, hinter der alle die Lösung des Welträtsels vermuten. Als sie am Ende geöffnet wird, befindet sich dort – nichts.
Das gleichsam lebende Element unter all den Traumgestalten ist ausgerechnet die Tochter des Gottes Indra. Herabgestiegen, um nachzusehen, wie es den Menschen wirklich geht, lernt sie die Welt als absurdes Jammertal kennen, als Irrenhaus oder Hölle, jedenfalls nicht als Paradies. Die Menschen richten sich ihren Verhältnissen und Normen ein (und bauen an ihnen weiter), in denen sie unglücklich werden. Schnell erkennt die göttliche Tochter, dass die Welt selbst verkehrt ist, einfach eine verkehrte Kopie.
Eine Erlöserin allerdings ist Gottes Töchterchen nicht, ein wenig Hoffnungsträgerin aber doch: im vordergründigen, eher ironischen Sinne, weil sie die Klage über die Welt ihrem Vater vortragen will. Mehr noch vielleicht wegen ihres unverstellten Blicks, mit dem sie die „Normalität" der Welt in Frage stellt. Berit Totschnig spielt das mit großen, staunenden Augen und Haltungen des wachen Interesses und lebhafter Anteilnahme. Zugleich bietet die im Spiel hervorgehobene Naivität ihrer Grundfragen (Paradies oder Hölle, richtige oder falsche Welt) auch den Ansatz für eine Welthaltung jenseits der Verzweiflung.
Jede Figur erscheint im doppelten Licht des Tragikomischen: als „Opfer" ihrer Verhältnisse und auch als ihr eigenverantwortlicher Träger.br> Das Traumspiel als Weltspektakel wird so zum Spiel über die gespaltene Persönlichkeit der bürgerlichen Welt – besonders Jochen Fahrs Gestaltung des Offiziers und der Advokat von Markus Wünsch beeindrucken da sehr. Überzeugend jedoch wird der Abend durch die wunderbare Leistung des ganzen Ensembles.
Nächste Vorstellung: 26. Mai im Schweriner Großen Haus
DIETRICH PÄTZOLD
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