| Die Faszination des Phantastischen
Alexander Lang inszenierte Strindbergs "Traumspiel" in Schwerin Schwerin • Das Leben kein Traum, Traum aber spiegelt das Leben. "Ein Traumspiel" von August Strindberg (1849-1912) hatte am Freitag im Schweriner Staatstheater Premiere. Starker Applaus für die Inszenierung von Alexander Lang.
Es ist ein heller Traum. Aus hohen weißen, aufgeschnittenen Räumen vorm Sternenfirmament betreten die Figuren durch graue Türen das Forum mit offenen Fallgruben und einem Schloss, das wächst. Oben eine Brücke fürs Vorübergehen. Dort ist die Tochter des Gottes Indra im Sportpilotenlook gelandet. Sie will das Befinden der Menschen erkunden, wird sich als Ehefrau, Geliebte, Muse versuchen. Sie wird Äpfel verteilen. Früchte der Erkenntnis? "Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein."
Die klinikklare Ästhetik der Bühne wie die stilvollen Kostüme von Stephan Fernau lassen nicht nur das Körperliche hervortreten. Hier ist ein lichter Kunstort, wo Regisseur Alexander Lang Dunkles erhellt, das Erzählen mit bildnerischem Sinn ins wache Träumen steigert, geschnitten gleichsam mit der Phantasie der Surrealisten.
Er zelebriert, deformiert, parodiert, ironisiert. Mit beschädigten, einsamen, verrätselten Figuren. Mit gestochen poetischen, witzigen, absurden Bruchstücken vom gefährdeten Leben. Die Hochzeitsreise eines Paares bleibt ein Segelschiff in der Hand. Die Gelehrten drehen sich als Brummkreisel. Der Dichter jongliert mit einem Kochtopf voll Lehm, dem Schöpferstoff, der "Schlamm heißt, wenn er dünnflüssig ist." Zur Bach-Toccata tanzen Konkurrentinnen um einen Mann, "Holländer"-Musik treibt die Tochter und den Dichter. Und im Dialog fallen die Worte oft als kämen sie von Noten.
Lang entwirft Muster aus "Erinnerung, Erlebnis, freier Erfindung und Ungereimtheit", wie der irrlichtende Strindberg sein Stück beschrieb. War er doch ein Ahnherr des modernen Theaters. In Langs "Traumspiel" stecken manche Anspielungen. Figuren leben halb im Boden wie in Becketts Stücken. Die Kokotte zieht als "Dame mit Hündchen" vorüber – Tschechow, ebenso ein Vorläufer der Moderne.
Auch bei Strindberg sind wie bei Brechts "Gutem Menschen" alle Fragen offen. Schäume sind Strindbergs Träume aber nicht. "Mein Traumspiel ist ein Spiel des Lebens." Es verurteilt nicht, es zeigt nur Stationen des Menschen. So will auch Lang nichts erklären. Er weckt Vorstellungen: Illusion, Vergeblichkeit, Banalität, Ungerechtigkeit bekommen Gestalt. Diese Phantom-Szenen haben etwas von der Faszination eines Weißclowns, der weiß: Die Lösung der Rätsel ist Nichts! Die Regie überlässt die Erleuchtung der Vorstellungskraft des Zuschauers.
Lang hat in der Provinz inszeniert, aber wo er inszeniert, ist weltläufiges Theater. Das Schweriner Ensemble spielt auf Augenhöhe. Als Indras Tochter hat Berit Totschnig ein starkes Debüt. Aus der Neugierigen wird eine Selbstbewusste, quasi eine frische Rebellin gegen die "stickige Luft im Dunstkreis Erde." Wie aus dem Labor eines Coppélius, ist Markus Wünschs Advokat von clownesker Dämonie, wendet erlebte Schuld grinsend und wütend zu militanter Pflichtpredigt. Im Dichter von David Emig vibriert das Ungenügen am Sein, der Flugversuch zur Weltverbesserung, Abstürze inbegriffen. Psychisch deformiert durch ungelebtes Leben, zittern im Offizier von Jochen Fahr die Ängste der Moderne. Und viele Miniaturen mit Leuchtkraft: Katrin Hukes märchenhafter Quarantänemeister, die Blinde von Brigitte Peters, die Edit von Anja Werner, der Magister von Andreas Lembcke, der Glaser von Jörg Zirnstein.
Der Dichter weiß am besten noch zu leben, findet die Göttertochter vor ihrem Abflug. Bleibt für diese Aufführung ein Zusatz: Die Theatermacher wissen es auch.
Manfred Zelt
Nächste Termine: 26.5., 3.6. Karten: 0385 - 5300123
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