| Nebenwirkungen erwünscht
Neuer Liederabend im Schweriner E-Werk Schwerin • Medikament Theater. Ohne Risiko, mit der erwünschten Nebenwirkung Heiterkeit. Verabreicht in einer Klinik im Schweriner E-Werk. Beim Liederabend "Ganz in Weiß". Vor Gesundheit strotzender Beifall bei der Premiere am Mittwoch.
Das gehört zu den ältesten Heilmethoden: Singen und musizieren. Zu diesem Zwecke schickt Peter Dehler Sekretärinnen, die wir schon im Büro wie im Urlaub erlebt haben, wegen ihrer Beziehungsschmerzen ins Krankenhaus. Wo der Computertomograph ein Flügel ist. An dem Thomas Möckel in OP-Saal-Kleidung behutsam oder forsch Seeleneingriffe begleitet. Neben all den Fernsehkliniken eine ohne Gähnen.
Auf einer sterilen Karussellbühne von Holger Syrbe und von ihm wechselnd bekittelt, kreisen Doktoren, Schwestern und Patienten. Mit einem Lieder-Reigen aus Frust und Lust, Herz und Schmerz, Ironie und Spott. Geliehen von Abba über Milwa bis Lindenberg.
Mit immergrünen, doch meist neugetexteten Schlagern diagnostizieren Dehler und Möckel individuelle Wehwehchen wie gescheiterte Liebe oder Rebellion der Gefühle. Bei der Ulknudel, bei der Transe mit Kuschelbär-Syndrom, bei der Einsamen, beim Träumer. Beim Klinikpersonal nicht minder.
Und im musikalischen Kardiogramm erscheinen auch gesellschaftliche Leiden: Karrieresucht, auch Fähige, die nicht mehr gebraucht werden. "Einmal Pech gehabt, und du bist hinten" ist ein Chor voller Hintersinn. "Ganz in Weiß" ist ein Befund in Dur und Moll, laut und leise, witzig, trotzig, traurig.
Acht Schauspieler vervielfältigen sich – auch mit opulenter Maskenhilfe – zu vielen Fällen, in denen selbst eine private Kasse nicht zahlt. Und sie formieren sich im Ensemble zu wohlgestimmter Mehrstimmigkeit, sogar zu einem medizinischen Orchester. Sie bauen die Lieder natürlich aus zu Szenen von komischen Patienten, Selbsthilfegruppen, verzweifelten wie genäschigen Schwestern, überforderten Ärzten.
Ton und Unterton mischen sich zum Medikament Theater. Für eine Therapie mit heiteren Nebenwirkungen. Katrin Huke belebt den Puls mit "Ich bin die Frau, die dich liebt" oder dem Geständnis "Für etwas Besseres bin ich versaut". Markus Wünsch massiert das Zwerchfell bei "Einmal in der Woche fall ich um" wie auch mit "Am meisten lieb ich mich". Bettina Schneider löst Verkrampfungen durch "Mich haut kein Rum wirklich um" oder "Bumbaddibum". Körperschwingungen infolge Gottfried Richters jazzigem Karrieresong, Nervenpflege durch den Seelenblues, der Susanne Rögner "Long way from home" überfällt. Bittere Pille mit Zuckerguss ist das "Abschiedslied" von Andreas Lembcke. Martin Neuhaus zeigt bei "Wie ein Stern" den Flugversuch eines Übergewichtigen. Flippig überwindet Evelyn Fuchs Hemmungen: "Ich find dich scheiße." Die "Operation"-Nummer aber ist nur ein Placebo.
Wer geht schon gern ins Krankenhaus? Doch "Ganz in Weiß" ist ein Klinikaufenthalt, den man genießen kann.
Manfred Zelt
Nächste Termine:
22. 3. und 22. 4., 19.30 Uhr, E-Werk. Kartentelefon: (0385) 5300123
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