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    Antigone

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 15. Dezember 2009
    Mehr Infos zu: Antigone



    Gebot steht gegen Verbot
    Tanzstück „Antigone" nach Sophokles im Schweriner E-Werk

    Ihre Präsenz auf dem Boden scheint Erdmutter Gaia wecken zu wollen, ihre Arme könnten die Götter herbeirufen. In ihr pulsieren das Weh um den toten Bruder Polyneikes und der bedingungslose Wille, ihn würdig zu begraben. In der Begegnung mit ihrem Verlobten Haimon schwebt ihre Zärtlichkeit, gegen den König strahlt ihre Energie wie ein Menetekel. Sie ist so innig wie impulsiv. Ihr Mut lodert. Kellymarie Sullivan als fulminante Antigone. Gleichsam ein heftiges Psychogramm der Selbstbehauptung, auch im unabwendbaren Scheitern.

    Ihr Tanzstück „Antigone" nach Sophokles hat die zypriotische Choreographin Dominique Efstratiou mit dem Schweriner Ensemble im Sommer beim „Internationalen Festival des antiken griechischen Theaters" auf Zypern mit großem Erfolg uraufgeführt. Die heimische Premiere im E-Werk am Donnerstag erntete starken Beifall.

    Die „Antigone" des Sophokles ist die klassische" Tragödie zwischen Staat und Individuum. Polyneikes, der den Feind ins Land geholt hat im Kampf gegen seinen Bruder Eteokles um die Herrschaft in Theben, ist gefallen wie sein Rivale. Der neue König Kreon verbietet, Polyneikes die Totenehre zu erweisen. Das Gebot aber an Antigone, ihn zu bestatten, ist bei Strafe der Götter eine heilige Pflicht, die ihr als Schwester auferlegt ist. Gebot steht gegen Verbot, persönliche Haltung gegen Machtgesetz. Die Frage für Antigone lautet: Ist, was ich rechtens tue, Unrecht? In dieser Konfrontation der Pflichten spielt auch Antigones Gefühl mit: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da."

    Analog kann der Tanz diese Geschichte voller antiker Hintergründe nicht wiedergeben. Die Bühne zeigt nur das Stadttor, behängt mit Seilen - Zeichen für den gefesselten Menschen? Auf der leeren Fläche davor schafft Efstratiou packende Sinnbilder von Machtwillkür und Widerstand. Darin erscheinen auch Antigones Gewissen, dem sie letztlich erliegt, und Kreons Macht, mit der er spielt, leiblich. Ebenso bedrängt die Stimme des blinden Sehers Teiresias als Figur den König. Das erweitert - zusammen mit Bettina Lauers farblich gesetzten Kostümakzenten - die Anschaulichkeit einer Choreographie, die klassische Grundformen verschmilzt mit Tanzgymnastik der Moderne. Die Situationen nicht geometrisch dekoriert, sondern Bewegung als Schmerz und Schrei, als Reflex innerer Befindlichkeit expressiv figuriert. Phantasiereiche Soli und Duette formulieren nicht künstlichen Mythos, sie gestalten Charaktere des Menschen. Das macht den fast 2500 Jahre alten Stoff gegenwärtig. In eindringlicher Umsetzung durch die Solisten.(...)

    Die Musikmischung singt, klagt, schlägt, schweigt auch. Wortlos schreien und flüstern die Tänzer die Tragödie. Eine Stunde der Berührung.

    Manfred Zelt

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