| Schweriner Theater zeigte gemächlichen „Reigen“
Demonstrationen, Prozesse und Skandale begleiteten 1921 die ersten Aufführungen von Arthur Schnitzlers „Reigen“. Die wird es nach der Premiere des Stück am vergangenen Freitag im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin mit Sicherheit nicht geben, bieten doch heute schon Vorabendserien im Fernsehen mehr Freizügigkeiten zum Thema Sex.
Geschrieben hat Arthur Schnitzler (1862-1931) eigentlich kein Theaterstück – in einem Brief an einen Freund stellte er fest: „Etwas Unaufführbareres hat es noch nie gegeben“. Geschrieben hat Schnitzler zehn Dialoge, inspiriert von einer Reihe von Kupferstichen des Engländers William Hogarth (1697-1764) mit dem Titel „Before und after“ – davor und danach. Um die Begegnung von Mann und Frau, um ihre Gespräche, ihre Reaktionen vor und nach dem Sex geht es Schnitzler, in seinen Szenen gibt es keine direkte Präsentation des Aktes.
An diese nicht geschriebene Regieanweisung hält sich Regisseur Carsten Knödler in seiner Schweriner Inszenierung. Mit Geschmack, Witz und Video-Technik drückt er diese Dinge aus und lässt dem Zuschauer Zeit und Raum für eigene Phantasien – wer die nicht hat, hört eben nur der Musik zu.
Fünf Frauen und fünf Männer begegnen sich in diesem Reigen, geben sich einander hin um dann weiter gegeben zu werden oder sich weiterzugeben: Die Dirne dem Soldaten, der Soldat dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen dem jungen Herrn, der junge Herr der jungen Frau, die junge Frau dem Ehegatten, der Ehegatte dem süßen Mädchen, das süße Mädchen dem Dichter, der Dichter der Schauspielerin, die Schauspielerin dem Grafen, der Graf der Dirne – der Reigen schließt sich. Ein Reigen ist ein Reihentanz und die Aufführung zeigt durchaus tänzerische Elemente. Insgesamt fehlt aber diese tänzerische Leichtigkeit, die der Stoff braucht, obwohl Carsten Knödler viele launige, originelle Ideen hat: Ein roter Schirm, der wieder auftaucht, ein Kopfkissen, das vom Ehebett zum Geliebten und wieder zurück transportiert wird. Bewegung brachte auch das praktikable, variable und voller Überraschungen steckende Bühnenbild von Frank Heublein.
Die Interpretation von Schnitzlers ironischen, frivolen, dozierenden, phantasierenden Texten aber geriet selbst für den drögen Norden zu gemächlich. Lediglich in den letzten beiden Szenen mit Lucie Teisingerova, Jakob E. G. Kraze und Katrin Huke blitzt der Esprit auf, den man sich auch für die acht vorher gehenden Episoden gewünscht hätte.
KARIN GUSTMANN
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