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    Die goldenen letzten Jahre

    Quelle: Theater der Zeit
    vom: 11. Dezember 2009
    Mehr Infos zu: Die goldenen letzten Jahre



    Die Würde des Menschen und antastbar

    Mecklenburgisches Staatstheater: „Die goldenen letzten Jahre" von Sibylle Berg

    Mein Haus, mein Auto, meine Jacht - mit derartigen Sprüchen protzt niemand bei diesem Klassentreffen. Keine Spitzenreiter, vier Außenseiter ringen bei einer Reise in die Vergangenheit erneut miteinander. Als Schüler waren sie fett, verunstaltet, verstört, unscheinbar. Seitdem haben sie nie in eine Gesellschaft gepasst, wo Besitz wie Attraktivität den Erfolg befördern. Dennoch, sie haben sich eingerichtet mit ihren biografischen Defiziten. Dass die vom Zeitgeist schon als Schüler „Erniedrigten und Beleidigten" auch als Erwachsene spüren, „weiter runter geht immer", dass sie trotzdem beinahe die Normalität darstellen in ihren letzten, allenfalls gold-papiernen Jahren, das ist die bittere Botschaft, aber mehr noch Hohn. Das ist der bitterböse Witz in Sibylle Bergs „Die goldenen letzten Jahre".

    Überhaupt spottet die Autorin, die also nicht umsonst auch mal Clownschülerin gewesen ist, gern und ohne Respekt in diesem Patchworkstück aus beschädigten Lebensläufen, absurden Situationen und dem harten Ineinander von Damals und Jetzt, gemildert durch Songs. Es ist wohl nicht abwegig, bei den Aggressionen wie den Naivitäten dieses Treffens an die Entblößungen einschlägiger Reality-Shows im Fernsehen zu denken. Aber wenn das Theater degoutanten Populismus nicht nachahmt, sondern ihn mit Witz konterkariert, dann sägt es nicht an seinem Ast. Schon mit Bergs „Das wird schon - Nie mehr lieben!" ist das gelungen. Nun setzt sich das Schweriner Theater als zweites nach de r Bonner Uraufführung für Bergs Sozialmosaik ein.

    Warum sie Stücke schreibe, lässt die Autorin im Schweriner Programmzettel verlauten, wisse sie nicht, vielleicht, weil die Leute hineingingen, weil sie fast für jeden schreibe, der nett zu ihr sei. MUSS man das wissen? Jedenfalls ist ihr jüngstes Stück haltbarer als diese gedrechselte Koketterie - zumindest in der Inszenierung der Schweriner Chefdramaturgin Henriette Hörnigk. Im Schweriner E-Werk, auf der Laborbühne des Staatstheaters, durchstößt sie die pointierte Oberfläche von Bergs zynischer Farce. In der Postdramatik aus banalen, giftigen und gruseligen Textfetzen entwickelt sich menschliches Befinden. Nicht etwa durch mitleidige Illustration. Da gibt es kein Umgehen von Hässlichkeit, Brutalität, werden boshafte Zeigefinger nicht weggesteckt. Gleichsam in einem ungehemmt grotesken Volksfest, durchgehend moderiert von der Lehrerin, wird die Realität der Ausgegrenzten plausibel.

    Die „merkwürdigen Bilder", die sich die Autorin gewünscht hat, findet Hörnigk, ohne die Videoflut auf dem Theater weiterzuverbreiten, die sie verstörend anlegt, quasi mit verzögertem Erkennungseffekt. Nach deftiger Markierung von Behinderungen aller Art meldet sich das innere Erschrecken: Die Würde des Menschen ist durchaus antastbar außerhalb von Sonntagsreden. Immer wieder wechselt zudem der Pop von Musiker Smoking Joe die Stimmungen, zuckert oder ernüchtert, schafft musicalverdächtige Nummern, bei denen die Schauspieler den Vergleich mit Musicalkollegen kaum zu scheuen brauchen. Berg hat sich auch „gute Akteure" gewünscht. Das ist normal, hier aber besonders hellsichtig, denn sonst fiele ihr Text womöglich zusammen wie Hefeteig in Zugluft. In Schwerin geht er auf. Zwischen Entstellung und Enthüllung, Ironie und Traurigkeit purzeln, tanzen, erstarren die Schauspieler, nachdem sie in ihren Wühltischkostümen von Franziska Just ein primitives Festzelt errichtet haben. Unter Anleitung, ständiger Aufsicht und bissigen Kommentaren der so nervösen wie nervigen Lehrerin von Brigitte Peters. Sie pflegt einen Ton, der vermutlich manchem Zuschauer nachträglich wieder einen Schülerschreck einjagt - ein satirisches Bravourstück.

    Jochen Fahr als Uwe erwacht aus Dumpfheit zum Spötter. Im wörtlichsten Sinne wurstig, figuriert er Ambivalenz: Im Elend steckt auch Komik. Und die Emotionsakne der Schülerjahre verschwindet unterm Puder des späten kleinen Glücks bei Bettina Schneiders sehnsüchtiger Bea. Lange unerfüllt, starr wie ihre Beinschiene, verwandelt sich ihr abwesender Blick in selbstbewusstes Leuchten. Matthias Walter als Paul ist so egozentrisch wie unbeholfen, kann aber auch Schlager intonieren, als habe er drei Ramazzotti intus, glitzert ebenso als smarter Yuppie. Lucie Teisingerovas Rita weiß Unscheinbarkeit sinnlich aufzulösen. Es ist die Stunde der Extreme. „Geile Fete, was haben wir gelacht." Mit diesem Softsong in Moll setzt Anna Jamborsky das Finale einer Aufführung, in der Gelächter an- und abschwillt und zuletzt in tröstlichem Lächeln endet.

    von Manfred Zelt

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