| Ada rennt Mit der Juli-Zeh-Adaption geht die Gegenwartsbefragung am Mecklenburgischen Staatstheater weiter
Harter Stoff, den das Schauspielensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters da am Donnerstag zur Premiere brachte. Als das Publikum nach zwei Stunden im E-Werk zur Besinnung kam, dankte es dem Inszenierungsteam um Regisseur Peter Kube mit starkem Beifall.
Der Roman „Spieltrieb" von Erfolgsautorin Juli Zeh, dessen 560 Seiten Bernhard Studlar zu einer Bühnenfassung verdichtet hat, erzählt von der 14-jährigen Ada und ihrem Freund Alev. Beide hochbegabt und gefühlskalt. Gelangweilt und orientierungslos gähnen und rüpeln sie sich durchs Leben. Ohne Werte, ohne Glauben, ohne Liebe. Auch sie sind Jugend ohne Gott. „Urenkel der Nihilisten" auf der Suche nach dem „wahrhaft Teuflischen".
Ihr polnischer Sportlehrer Smutek wird zum Spielball ihrer Haltlosigkeit. Ada legt ihn aufs Kreuz, Alev filmt. Das Versuchsobjekt sitzt in der Falle. Im Hintergrund Familientragödien, Irakkrieg, Terror, polnische Geschichte. Und ein theoretischer Überbau aus Modellen der angewandten Spieltheorie.
Die muss man nicht unbedingt kennen, um zu verstehen, dass Ada und Alev in ihrem perversen Katz- und Maus-Spiel eine Möglichkeit sehen, irgendwie weiterzuleben, ohne Gefühle zuzulassen.
Isa Weiß als Ada und Florian Anderer als Alev, beide neu im Ensemble, geben ihrem Duo Infernale jene Expressivität, die diesem Stück gerecht wird. Isa Weiß in atemloser Spannung, zwischen demonstrativ zur Schau gestellter Coolness und aufblitzender Verletzlichkeit, eine Kindfrau auf dünnem Eis. Florian Anderer ein dämonischer, aalglatter Zyniker, der nichts und niemanden ernst nimmt, nicht einmal sich selbst. Vielleicht tut er als Pantomime und Geräuschemacher mit genialischen Macken auf Dauer etwas zu viel des Guten.
In rasanten Szenenwechseln auf zwei Spielebenen (Bühne: Jens Büttner) liefern Brigitte Peters als Adas Mutter, Hagen Ritschel als Punker Olaf, Gottfried Richter und This Maag als Lehrer und Jana Kühn als Frau Smutek Porträts von Figuren, die nicht mehr mit dem Leben spielen müssen, weil das Leben mit ihnen bereits genug gespielt hat.
Wie in Ödon von Horvaths „Jugend ohne Gott" setzt das Schauspiel mit „Spieltrieb" seine Befragung von Gegenwart fort, ohne vordergründig Antworten zu liefern. Dass dieses Stück an seinen bedeutungsschweren Textbrocken von Juli Zeh bis Anna Karenina ganz schön zu schlucken hat, steht auf einem anderen Blatt.
von Holger Kankel
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