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    Der Gott des Gemetzels

    Quelle: Lübecker Nachrichten
    vom: 15. November 2009
    Mehr Infos zu: Der Gott des Gemetzels



    Unter der dünnen Lackschicht kommt die Bestie zum Vorschein

    Grund genug zum Feiern hätte es gegeben. Wiedereröffnung des Staatstheaters nach sechsmonatiger Bauzeit, die Maschinerie unter der Bühne mit Millionenaufwand runderneuert. Aber bei der ersten Premiere im technisch auf den neuesten Stand gebrachten Großen Haus sah man keine freudig erhobenen Gläser mit prickelndem Sekt. Woanders moussierte es dafür wie bester Champagner: auf der Bühne selbst, wo ein fabelhaftes Schauspieler-Quartett französischen Esprit im Minutentakt servierte.

    Schauspieldirektor Peter Dehler hatte für den besonderen Anlass ein Stück ausgewählt und selbst inszeniert, das an deutschen Theatern rauf und runter gespielt wird: „Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza. Die Grande Dame der Boulevardkomödie auf höchstem Niveau hat in ihr neuestes Werk wieder das hineingeschrieben, was sie so unschlagbar macht: die federleichte Bösartigkeit, mit der sie die Lebenslügen speziell der etwas besseren Kreise unterminiert.

    Im „Gemetzel" treffen mit Anette und Alain Reille sowie Veronique und Michel Houillé zwei Ehepaare in den Vierzigern zusammen, um in zivilisierter Weise einen Vorfall auszudiskutieren, der die Werteordnung im ach so liberalen Bürgerspektrum empfindlich stört. Der kleine Sohn der Reilles hat dem kleinen Sohn der Houillés zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Klar, dass der Fall nun von allen Seiten beleuchtet werden muss. Doch das, was als gepflegte Aussprache geplant war, entartet immer mehr zur gnadenlosen Zimmerschlacht.

    Die Lackschicht der bourgeoisen Kultiviertheit ist hauchdünn, darunter steckt die Bestie. Anne Lebinsky spielt virtuos auf der Charakter-Klaviatur der Veronique, blitzschnell wechselnd zwischen intellektuell parlierender Weltverbesserin und wild um sich schlagender Karate-Kämpferin, ordinär keifender Megäre und süß säuselnder Mama. Den Gatten Michel gibt Sebastian Reusse mit kaum geringerer Raffinesse. Dabei verbrüdert er sich zeitweilig sogar mit dem bekennenden Macho Alain (köstlich stur: Jochen Fahr). Die Anette verkörpert Anja Werner mit grimmiger Komik.

    von Hermann Hofer

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