| "Gott des Gemetzels": Kleine und große Täter In einer Ehe gibt es immer Theater. Dumm nur, dass es auch fast immer Zuschauer gibt: Kinder. Die übernehmen von den Eltern jedes noch so schlechte Verhaltensmuster. Als Mutter weiß die Französin Yasmina Reza das und hat darüber ihren „Gott des Gemetzels" geschrieben. Von Jürgen Gösch 2006 in Zürich uraufgeführt, war er 2007/08 das meistaufgeführte Stück in Deutschland. Dieses Jahr wütet er allein in MV gleich dreimal. Nach Rostock und Greifswald stand am Wochenende die Premiere in Schwerin an, wo Regisseur Peter Dehler zur Wiedereröffnung des Großen Hauses nach Umbaupause ganz auf seine Schauspieler vertraut.
Die agieren vor schwarzem Vorhang auf einem Podest mit Schachbrettmuster (Bühne und Kostüme: Susanne Goder). Keine Musik, kaum Lichtregie. Zwei Ehepaare geben sich die Ehre, weil der Sohn (11) der einen dem der anderen zwei Zähne ausgeschlagen hat. Ein Schlichtungsgespräch. Sein Sohn soll bei der Tat mit einem Stock „bewaffnet" gewesen sein, das gefällt Monsieur Reille nicht: „ausgestattet" sei besser! Fix verlagern sich die Allianzen. Aus dem Bündnis der Paare wird eins der Geschlechter. Am Ende wettert jeder gegen den Partner, was in bösen Dialogen und Handgreiflichkeiten gipfelt.
Jochen Fahr brilliert als Vater des „Täters" und sticht aus dem starken Ensemble heraus. Er spielt den höhnischen Reille als Winkeladvokat, der an Altkanzler Schröder erinnert und sich zum Recht des Stärkeren bekennt. Er huldigt dem „Gott des Gemetzels", wie er sagt. Gattin Anette (Anja Werner) nervt er mit Chauvi-Sprüchen und Handy, auf dem er ständig für eine Pharmafirma Schadensersatzzahlungen abschmettert.
Auch das Ehepaar Houillé ist durch die Anrufe genervt. Die Althippies erziehen ihr Kind antiautoritär, gewaltfrei. Anne Lebinsky gibt die Mutter als neurasthenische Schöngeistin, deren Idealismus nicht nur den Gatten nervt. Sebastian Reusse geht auf in der Rolle des harmoniebemühten Softies, der am Ende umso härter zuschlägt. Immer mehr agieren die Mimen zum Publikum hin. Klar: Auch da sitzen die kleinen und großen Täter.
Besucher erwartet geistreiches Boulevardtheater.
von Welf Grombacher
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