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    Helden wie wir

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 11. November 2009
    Mehr Infos zu: Helden wie wir



    Furios zwischen Sex und Sicherheit

    War es wirklich Schabowski mit dem Zettel? War es ein Versehen oder etwa das Volk? Heftige Recherche 20 Jahre nach dem Mauerfall. Dabei hat es Thomas Brussig in seinem Roman „Helden wie wir" schon 1995 enthüllt. Es war Klaus mit seinem postoperativ immens gewachsenen Pimmel. Größenwahnsinnig war Klaus sowieso. Als junger Naturforscher wähnte er sich dem Nobelpreis nahe. Als Spätaufgeklärter geriet er in Krisen; verschroben schwanzgesteuert, wie es feministisch heißt, wurde er pervers zum Wohle des Sozialismus. Von der Mutter hygienisch überwacht, vom Stasi-Vater ignoriert, war er, sozusagen familiengeleitet, obendrein bei Guck-und-Horch. Wo er auf weltbewegenden Einsatz lauerte, ihn schließlich ohne Befehl unternahm.

    Eine verrückte Geschichte. Mitläufer Klaus ist gebacken aus DDR-Klischees. Brussig überzieht sie satirisch, haut drauf, spielt mit den Bruchstücken. Das Banale wird zum Kuriosen, die Realität zur Absurdität konzentriert in Peter Dehlers Bühnenfassung. Darin brodelt die komödiantische Essenz des Buchs, die Dehler auch als Regisseur befeuert. Er zündet eigene Gags, wenn aus der kleinen Trompete von Klaus eine Posaune wird, die bekanntlich schon bei Jericho Mauern fällte.

    Zum zweiten Male wird eine gescheiterte Gesellschaft als Komödie begraben. Zum Jubiläum jetzt in Schwerin. Turbulent mit Markus Wünsch im Staatstheater. Begleitet vom Dauergelächter des Publikums, das hier und da stecken bleibt. Klaus sagt Vater, als habe er eine Gräte im Hals. Die verbogene Bahn seines Lebens verbiegt seinen Körper, lässt ihn zucken, zittern, sich verklemmen. Was aus ihm heraus drängt an Erfahrung zwischen Sex und Sicherheit, reißt seine Augen auf, lässt seine Stimme tremolieren, seine Miene überfluten mit Grimassen. Ein Seitschritt, und er ist seine Mutter, einer zurück, er wieder selbst. Expressionistisches Multifigurenspektakel. Wünsch pantomimt, beichtet, parodiert. Mit Satz, Gegensatz und spöttischem Echo bläst er eine moderne Schelmenweise als Nachfahre von Simplicissimus samt Schelmuffsky. Hinterm Witz der Biss. Ein furioser Schauspielertrommelwirbel, der das Jubiläum erheitert. Stürmischer Premierenjubel.

    von Manfred Zelt

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