| Ende einer Liebe Quadratisch, praktisch, gut: Für Gounods „Romeo und Julia“, das in Schwerin erstmals zu sehen war, benützt Bühnenbildner Robert Pflanz unterschiedlich hohe Quader. Sie lassen sich für jede Szene schnell neu arrangieren und wirken doch nie banal. Gemäßigt abstrakt bringt Regisseur Arturo Gama das Werk auf die Bühne, und das tut der Oper gut. Denn wenn schon über der Shakespeare’schen Vorlage das Damoklesschwert des Kitsches schwebt, so ist das in der noch viel emotionaleren Musiktheaterversion erst recht der Fall. Dieser Gefahr entgeht Gama, indem er sich einer allzu realistischen Bebilderung verweigert. Horizontale, gegeneinander verdrehbare Leinwände schweben über der Szene. Sie verändern ihre Konstellation entsprechend dem Arrangement der Quader, illustrieren Seelenzustände und sehen zudem gut aus. Die farbenprächtigen Kostüme von Bettina Lauer übertreiben es nicht mit der historischen Korrektheit, sie orientieren sich an Schnitten der Renaissance, aber nur in reduzierter Form.
Romeo und Julia sind die Einzigen, deren Kostüme nicht mit Ornamenten bedruckt sind. Denn sie machen sich von Konventionen frei. Leider macht sich ausgerechnet Stefan Heibach auch davon frei, die Rolle der männlichen Hauptfigur zu gestalten. Fest und schlank ist seine Stimme, aber schüchtern und zurückhaltend sein Romeo. Das wird vor allem im dritten Akt deutlich, in dem sich Romeos Freund Mercutio (voller Bühnenpräsenz: Roman Grübner) mit Julias Cousin Tybalt (als hasserfülltes Rumpelstilzchen: Kay-Gunter Pusch) großartige Kampfszenen liefert. Da wird nicht gefackelt, da wird geprügelt. Romeo dagegen scheint Tybalt kurz darauf mehr aus Versehen umzubringen. Heibachs Körpersprache ist nicht glaubwürdig. In den Duetten spart er nicht an Küssen, dreht sich jedoch weg von seiner Geliebten. Ulrike Maria Maier als Julia ist da leidenschaftlicher. Und ihre Stimme, kräftig strahlend, avanciert zum Zentrum des Abends.
Im Graben nehmen Judith Kubitz am Pult und die Mecklenburgische Staatskapelle Gounods Musik mit ganzer Leidenschaft. Da tönt es mal kräftig flirrend, mal zärtlich abschattiert, aber immer dramatisch und ausdrucksstark. Am Ende müssen die Musiker nochmal zurückblättern. Gounods Librettisten haben das Ende von Shakespeares Drama entschärft, bei Gounod ist Romeo noch nicht tot, wenn Julia erwacht. Sie scheiden gemeinsam aus dem Leben, was Arturo Gama nicht tragisch genug erschien. Bei ihm stirbt Romeo in Julias Armen und lässt sie in ihrer ganzen Einsamkeit zurück. Ob sie sich ersticht oder nicht, bleibt offen. Dazu lässt Gama nicht den hochdramatischen Schluss des letzten Aktes erklingen, sondern die versöhnlichen und zugleich todtraurigen Takte des Schlusses von Akt zwei, in dem sich Romeo vom Balkon verabschiedet. Die Inszenierung gewinnt dadurch sogar etwas. Denn plötzlich wird deutlich, wie sehr das Ende dieser Liebe in den vorhergehenden Duetten immer schon angelegt war. von Udo Badelt
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