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    Alcina

    Quelle: Schweriner Vokszeitung
    vom: 26. Oktober 2009
    Mehr Infos zu: Alcina



    Kleinod in enger Fassung

    Das Drama auf einer Insel der Liebe inszenierte die Regisseurin Arila Siegert für die Bühne im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters als Kammerstück von berührender Nähe. Mochte es auch schwer fallen, sich das Werk in die Enge dieser Spielstätte versetzt vorzustellen, so wurde die Premiere am Freitagabend doch mit langem, begeistertem Applaus gefeiert.

    Anlass zu weitaus mehr Jubel hätte es gegeben. Eine Kammerbesetzung der Staatskapelle, auf der linken Bühnenseite sichtbar, leitete Martin Schelhaas mit energischen Bewegungen. Er forderte die Musiker zu detailreichem, lebendigem und gut artikuliertem Spiel. Die Solisten erschienen auf der Galerie oder direkt auf der Bühne, wie Volker Reinhold mit einem gut in die Szene eingepassten Violinsolo. Matthew Jones begleitete Rezitative und Arien mit virtuoser Phantasie auf der Theorbe. Schade, dass die Bläser akustisch hinter die Seitenwand verbannt waren.

    Alcina in ihrem Inselreich verkörperte die Sopranistin Hyon Lee von der Oper Graz. Mit graziöser Gestik und wohldosierter erotischer Ausstrahlung vermag sie alle für sich einzunehmen. Erst später nimmt man wahr, dass sie ihre verbrauchten Liebhaber in Tiere, Steine oder Meereswellen verwandelt. Nun ist sie tief verliebt in den jungen Ritter Ruggiero, der seine Braut Bradamante zurückließ. Die schlüpft in Männerkleider und versucht unter dem Namen Ricciardo, den liebesverblendeten Ruggiero in sein früheres Leben aus Pflicht und Ehre zurückzuholen. Welch ergreifenden Ausdruck legt Hyon Lee dann in das „Sì, son quella“, wenn sie Ruggiero erklärt, dass sie noch immer dieselbe sei, die ihn liebe. Doch fügt sie ihre hellen und sanften Töne lediglich linear, scheinbar ohne Verständnis für die ausdruckssteigernde Wirkung des harmonischen Flusses, an dem sie mit Intonationsschwankungen oft vorbeisingt.

    Die junge Susanne Drexl hingegen, die gerade erst ihre Meisterklasse bei Helmut Deutsch in München abgeschlossen hat, vermag die Anforderungen der Bradamante souverän zu erfüllen. Makellos in der Intonation und mit einem dunklen Mezzo-Timbre führt sie ihre Stimme gleichermaßen sicher durch kantable wie durch kolorierte Passagen.

    Morgana, die sich sogleich in Bradamante in Mannskleidern verliebt und dafür ihren Geliebten Oronte verlässt, wird gesungen von Katrin Hübner. Auch sie führt ihren leichten, klaren Sopran stilsicher und klangvoll und bekommt dafür den ersten Szenenapplaus.

    Beeindruckend spielt sie nach der Auflösung der Verwechslung den Kampf um die Wiedergewinnung ihres Oronte, der ihr aber nur noch mit Hass begegnet.

    Die aus Spanien gebürtige Mezzosopranistin Itziar Lesaka hat als Ruggiero etwas Androgynes, das mehr verwirrt als bei der offensichtlich verkleideten Bradamante. Gut gelingt ihr der Liebhaber Alcinas zwischen Lust und Überdruss.

    Weniger deutlich geraten die Brüche, die Ruggiero zwischen Alcina und Bradamante hin und her taumeln lassen, bevor in ihm der frühere Kriegsheld wieder durchbricht. An Stimmkraft und Klangschönheit mangelt es weder dem Liebhaber noch dem Ritter. Christian Hees als Oronte und Andreas Lettowsky als Bradamantes Begleiter komplettieren ein überzeugendes Solistenensemble, das von einem diffizil agierenden Chor in der Einstudierung von Ulrich Barthel umgeben wird.

    Die Befreiung von der Zauberherrschaft Alcinas inszeniert Arila Siegert als Kampf im Zeitlupentempo und erreicht mit dieser Stilisierung eine faszinierende Überhöhung. Sie spielt mit vielen Details. Da sind die Farben der Kostüme von Marie-Luise Strandt mit Morganas erotischem Rot, Alcinas kühlem Blau und Gold, Orontes Schwarzweiß.

    Der Tanz spielt bei der Tänzerin Arila Siegert natürlich immer eine Rolle. Er äußert sich in genau choreografierten Bewegungen der Darsteller, die jeder Geste symbolische Bedeutung verleihen und alle nichtssagenden Zufälligkeiten ausschalten. Dazu findet die Regisseurin wunderschöne Bilder für Erinnerungen, Träume oder Verblendungen. Sie erweckt die verbannten Liebhaber zu zauberischem Leben und zieht am Ende mit einer überraschenden Wendung alles als Frage in die Gegenwart. Ein Kleinod in enger Fassung!

    von Michael Baumgartl

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