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    Lob des Kapitalismus

    Quelle: Ostsee-Zeitung
    vom: 09. Oktober 2009
    Mehr Infos zu: Lob des Kapitalismus



    Staatstheater lobt den Kapitalismus

    „Das ist eine Krise, folgen Sie dem Personal“, heißt es im neuen Schweriner Theaterprojekt „Lob des Kapitalismus“. Das „Lob“ wird zur Kritik, doch das Projekt bleibt recht theoretisch.

    Wie kann man denn den Kapitalismus loben? Jenes Wirtschaftssystem also, das einerseits auf Freiheit beruht, dann aber aufgrund seiner atemberaubenden Konzentration von Eigentum (und damit Macht) die Freiheit sehr vieler Menschen einschränkt, sich — wenn ungezügelt — als rücksichtsloses Raubtier erweist und damit seinen eigenen Untergang riskiert?

    Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin wählte den direktesten Weg und nannte seine jüngste Inszenierung von Peter Dehler und Markus Wünsch „Lob des Kapitalismus“. Premiere war am 7. Oktober, dem Jahrestag jener DDR, die beim Versuch, nicht kapitalistisch, sondern sozialistisch zu sein, vor 20 Jahren völlig bankrott von der politischen Landkarte verschwand. Gespielt wird in einem verlassenen Bankgebäude (Friedrichstraße 5-7), das bis 1990 eine Bezirksfiliale der DDR-Staatsbank (und danach der Deutschen Bank) beherbergte. Heute wirkt das Haus wie eine ausgeschlachtete Investruine. Kälte weht den Theaterbesucher an. Auch sonst waltet der Geist der Provokation. Im Finale wird gar vom 21-köpfigen Ensemble unter der Überschrift „Lob des Kapitalismus“ als Oratorien-Parodie jener Text Brechts gesungen, den man als „Lob des Kommunismus“ kennt: Er sei vernünftig, das Ende der Verbrechen, keine Tollheit, nicht das Chaos, sondern die Ordnung . . . — die Verse wollen nicht recht zum Kapitalismus passen.

    Eröffnet wird dieser Theaterabend im „Museum“: in einem Saal voller auf Sockeln posierender und abwechselnd deklamierender historischer Personen, zwischen denen sich die Zuschauer bewegen. Die Mischung ist höchst seltsam: Albert Einstein fordert eine sozialistische Gesellschaft, der Dalai Lama erklärt, dass Sozialismus gar nicht funktionieren kann. Charles Darwin erläutert den Kampf ums Dasein, der Ökonom Adam Smith lobt den Egoismus, weil der sich zum Wohle aller auswirke, und Robin Hood ruft zum Kampf für die Armen auf. Verona Pooth plappert über ihre Zufriedenheit als Medienpüppchen, Marie Antoinette über ihre Schönheits-Pflichten bei Hofe und Christiane F. berichtet über das Gefühl, den eigenen Körper als Ware anzubieten. Ein moderner Großinvestor rät zum Aktienkauf, wenn auf den Straßen Blut fließt, und eine Hartz-IV-Empfängerin ruft in die Runde, dass wir alle „im Arsch“ seien. Auch Karl Marx und Ludwig Erhard, Hitler und Jesus, Rosa Luxemburg, Osama bin Laden, Ovid und weitere Figuren der Geschichte steuern Grundsätzliches bei. Aus alldem entsteht ein vielstimmiges, hübsch widerspruchsvolles, aber leider viel zu theoretisch bleibendes Sammelsurium.

    Im Mittelteil wird das Publikum in kleinen Gruppen etwa von Schulklassenstärke durchs verwahrloste Bankhaus geführt. Unterbrochen durch Sirenengeheul und den Ruf „Das ist eine Krise, folgen Sie dem Personal!“, sind in acht Räumen teils groteske Miniaturen zu erleben. Die reichen von einer esoterischen Selbsthilfegruppe mit Karl Marx und Rosa Luxemburg bis zu apokalyptischen Visonen mit Jesus, bin Laden und einem Sterntaler-Mädchen, von einer Suppenküche bis zum DDR-Staatsbürgerkundeunterricht. Oder von einem Kabinett, in dem Reden Horst Köhlers kabarettistisch seziert werden, bis zu einem Käfig voll gieriger Manager, bei deren Folter das Volk seinen Zorn abreagieren darf.

    Am Ende bleibt ein gemischter Eindruck: Das Projekt ist durchaus interessant und abwechslungsreich, doch scheint es irgendwo auf dem Weg von der Vorüberlegung zum Spiel stecken geblieben zu sein. Man mag die Kühnheit des Ensembles anerkennen, aber Theater könnte mehr leisten.

    vin Dietrich Pätzold

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