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    Lob des Kapitalismus

    Quelle: Lübecker Nachrichten
    vom: 10. Oktober 2009
    Mehr Infos zu: Lob des Kapitalismus



    Revue im Haus des Geldes

    Das Schweriner Theater zeigt im Gebäude einer ehemaligen Bank das Spektakel " Lob des Kapitalismus ": Vergnügliches Entertainment statt politischem Theater.

    Mitten in der Schweriner Innenstadt zeugt die imposante Gründerzeitfassade noch von einstiger Größe. Im Inneren aber ist das seit langem leerstehende Gebäude an der Friedrichstraße, das seit 1878 bedeutende Bankinstitute mit bis zu 500 Mitarbeitern beherbergte, in einem ruinösen Zustand. Einen besseren Ort, um Glanz und Elend des Kapitalismus mit ihren Mitteln vorzuführen, können Theaterleute kaum finden. Ein Coup also, dass die Regisseure Peter Dehler und Markus Wünsch die von ihnen konzipierte und inszenierte Revue zur Banken- und Wirtschaftskrise genau hier spielen lassen.

    "Lob des Kapitalismus" heißt die Produktion des Schweriner Staatstheaters, und das ist natürlich triefende Ironie. Denn die Überschrift verkehrt den Titel eines Gedichtes von Bertolt Brecht, "Lob des Kommunismus" ("Er ist vernünftig, jeder versteht ihn"), ins glatte Gegenteil. Ein spöttisches Spiel mit den beiden feindlichen Ideologien, deren eine auf dem Müllhaufen der Geschichte landete und deren andere in der schwersten Krise seit Jahrzehnten steckt. Eine besondere Pikanterie kommt hinzu. Da, wo bis zum Ende der DDR deren Staatsbank eine Niederlassung betrieb, richtete die Deutsche Bank nach der Wende kurzzeitig ihre Schweriner Filiale ein.

    Der besondere Reiz des Ortes ist nun auch der besondere Reiz der Aufführung, die mit einem hinreißenden Auftritt des gesamten Schauspielensembles in der ehemals herrschaftlichen, jetzt verfallenen Schalterhalle beginnt. 22 Figuren - unter ihnen Jesus Christus und Karl Marx, Adolf Hitler und Osama bin Laden, Rosa Luxemburg und Maria-Elisabeth Schaeffler - stehen dort ringsum auf Podesten, starr und steif, bis sie sich wie Automaten in Bewegung setzen, gestikulieren, Sprechblasen absondern, wieder in ihre Leblosigkeit zurückzufallen, um schließlich alle auf einmal zu plappern und zu schreien. Eine babylonische Sprachverwirrung - und eine Verwirrung des Geistes zwischen allen Gesellschafts- und Herrschaftssystemen.

    Dann die eigentliche Revue, in der das Publikum, aufgeteilt in einzelne Gruppen und geleitet von Katastrophenhelfern in weißen Schutzanzügen, durch eine Flucht von Räumen geführt wird, wo die Schauspieler in kurzen Szenen den gescheiterten Kommunismus und den ramponierten Kapitalismus durch die Mangel von Hohn und Spott drehen. Im noch sehr noblen, holzvertäfelten Direktorenzimmer zum Beispiel gibt es eine Begegnung der unheimlichen Art, wenn Verona Pooth, geborene Feldbusch (Lucie Teisingerova), die fiktive Hartz-IV-Empfängerin Monika Beulert (Bettina Schneider) und Christiane F. vom Bahnhof Zoo (Brit Claudia Dehler) aufeinandertreffen und eine staatstragende Rede von Bundespräsident Horst Köhler gnadenlos zerfleddern. Aber - alles in allem - ist die heiße Luft irgendwie raus. Vergnügliches Entertainment statt scharfer Analytik. Und zum Finale treibt John R. Carlson als Dirigent das ganze hochmotivierte Ensemble zu einem musikalischen "Lob des Kommunismus" an - augenzwinkernd und furios.

    von Hermann Hofer

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