| Geschichte vom Sockel gestiegen Er wirkt wie ein dunkler Fremdkörper, der riesige Gründerzeitbau zwischen all den Antiquitätenläden, Cafes und Restaurants in der touristisch aufgeputzten Schweriner Friedrichstrasse. Einst für die Mecklenburgische Hypotheken- und Wechselbank gebaut, diente er später der Staatsbank der DDR als Bezirkszentrale und wurde nach 1990 von der Deutschen Bank übernommen, die ihn seitdem nach kurzzeitiger Nutzung leer stehen lässt. Wenn auch überall Kabel herab hängen, Farbe von Wänden und Decken blättert, manche Fußböden aufgerissen sind und viele Türen fehlen, so lässt das mächtige Gebäude mit seinen prächtigen, bunten Jugendstilfenstern, den verzierten Handläufen der elegant geschwungenen Treppen und den ausgeschmückten Türrahmen die alte Pracht dieser Kathedrale des Geldes ahnen.
Es ist ein Coup des Staatstheaters Schwerin, dessen Großes Haus nach technischen Erneuerungsbauten erst am 9. November mit Thomas Brussigs „Helden wir wir“ wiedereröffnet wird, mit seinem Stationen-Spektakel „Lob des Kapitalismus“ hierher zu ziehen. Alles beginnt im grossen Saal, an dessen Wände Politiker, Philosophen, Promis, Arme und Reiche vieler Zeiten auf Podesten stehen und auf das flanierende Publikum herab- und einreden. Es ist eine bunte Gesellschaft, unter ihnen Einstein, Darwin, Hitler, Erhart, Marx, Christus, Verona Pooth, Robin Hood, Rosa Luxemburg, Osama Bin Laden, Marie Antoinette, Adam Smith, das Mädchen aus dem Sterntalermärchen, eine Hartz-IV-Empfängerin und ein Bankmanager, die Großindustrielle Maria-Elisabeth Scheffler und Christiane F. vom Drogenstrich am Bahnhof Zoo.
Dieser vielstimmige Chor mit seinen Texten über Geld und Armut, über Egoismus und Gemeinsinn, über staatliche Lenkung und freien Markt, über das Wesen des Kapitalismus, in dem der Mensch, vor allem die kein eigenes Kapital als sich selbst besitzende Frau, zur Ware wird, stellt quer durch den Raum und die Zeiten verblüffende Bezüge her und offenbart unerwartete Gegensätze oder Ähnlichkeiten. Diese Zitatenparade ist intelligent komponiert: da reden Marx und Osama Bin Laden über die Juden und das Geld, erzählen Christiane F. und Marie Antoinette von ihrem Lebenswandel, und Rosa Luxemburg gibt ihre Kommentare. Einstein und der Dalai Lama stellen ihre Vorstellungen von Marktwirtschaft gegeneinander, Erhard plädiert für eine Ordnung, die Rosa auf Sand gebaut sieht, und Hitler plädiert für die Vorherrschaft des Staates. Aus dem Schwall all der Theorien, Lobsprechungen und Verdammungen ergibt sich weder ein klares Lob des Kapitalismus noch des Kommunismus, sondern ein realistisches und sinnliches Bild der herrschenden Verwirrung und Gegensätze.
Dann erklingt über Lautsprecher „Dies ist eine Krise, bitte folgen Sie dem Personal“, und man wird gruppenweise von Menschen, in weißer Anstaltskleidung und mit Mundschutz, zu Vor- und Mitspielorten durch das Haus geführt. Für mich begann es mit einem Motivationstraining mit Marx und Rosa,. Ein Ja zu sich, ein ja zur Welt und leeren Optimismus versuchten die Vertreter des wissenschaftlichen Marxismus dabei zu vermitteln, und wir mussten uns an den Händen fassen, die Ohrläppchen reiben und tief atmen....
Nicht bei allen acht Stationen dieser stark kabarettistisch geprägten Szenenfolge gab es eine so überzeugende, witzig dialektische Beziehung zwischen zwischen den historischen Figuren und ihrer neuen Bedeutung. So treten Robin Hood und Marie Antoinette auf Phuket nach dem Tsunami auf, der Ausländer als sich als Wohltäter gerierender Zuhälter, die Einheimische als sich verkaufende ehemalige Kindergärtnerin. Frau Scheffler las uns im Pelzmantel das Märchen von „Hans im Glück vor“, wir wurden Schüler beim sozialistischen Staatsbürgerkunde-Unterricht in den 70er Jahren, bekamen Soljanka und Handreichungen serviert, wie man als Hartz-IV-Empfänger „gut“ und billig kochen könne, durften unsere Wut mit Beschimpfungen und Eiern an drei Bankmanagern ausagieren, die uns in einem Käfig als selbst nach Stromstößen noch geldgierige Bestien vorgeführt wurden, und erfuhren, dass Herr Ackermann jede Sekunde einen Euro verdient, Schließlich erzählten uns Jesus, das Sterntalermädchen und Jesus von der Apokalypse, ohne an den Schluss die Hoffnung nach dem Untergang Babylons „und ich sah eine neue Erde“ zu setzen.
Meist witzig, manchmal auch nur flau waren die Szenen, in denen ein sichtlich animiertes Ensemble Irrwege und Erklärungsmuster ausstellte, ohne einen Ausweg aus der Misere weisen zu können oder zu wollen. Das Publikum, das nicht nur bespaßt wurde, sondern zugleich zum Mitmachen und Mitdenken aufgefordert war, tat beides gern.
Am Schluss traf man sich wieder im grossen Saal, und das gesamte Ensemble trug Brechts „Lob des Kommunismus“ als moderne Chorkantate vor. Das war musikalisch wie interpretatorisch wunderbar. Es machte Spaß und betrübte zugleich, weil Brechts Einfach-Tun, trotz oder gerade wegen des engagierten Vortrags, unangenehm unecht und unwahr wirkte. Wenn schließlich auf die grossen weißen Notenblätter des Chors Bilder projeziert werden, auf denen sich die Sänger hinter Gittern streiten und prügeln, wird das Illusionäre des Textes überdeutlich ausgestellt. Dieser intelligente, traurig unterhaltsame Abend war weder ein „Lob des Kapitalismus“ noch ein „Lob des Kommunismus“, sondern einfach intelligentes Theater.
von Hartmut Krug
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