| Sybille Bergs Klassentreffen als böses Spiel Diese unerträglische Seichtigkeit des Seins. Besonders aberwitzig wirkt sie, wenn der Medienmüll der Klatschspalten und anderen Promi-Zoo-Veranstaltungen als irgendwie ernsthaft verinnerlichtes Echo aus pubertierenden Mündern sinnverlorener Kinder zurückschallt. Oder gar aus dem einer lebensüberdrüssigen, aber in gewohnter Verhaltensmechanik funktionierenden Lehrerin. Oder wenn die Kids ganz im neoliberalen Geist der Konkurrenzgesellschaft ihre Rollen als Winner und Loser wie etwas Naturgegebenes annehmen, sich nach Kräften mobben und mobben lassen - mit beinahe tödlichen Folgen. Sibylle Berg (47) hat aus solch bitterböse zugespitzten Echo ihr Stück "Die goldenen letzten Jahre" gemacht. Das Ergebnis, ein Musterbeispiel an virtuosem Zynismus, wurde in diesem Jahr in Bonn uraufgeführt und bei den Mühlheimer Theatertagen vorgestellt. Es pendelt zwischen Parodie, Farce, Groteske - auf Lebenslügen der wohlanständigen deutschen Bürgerlichkeit. Das Schweriner Theater brachte es am Wochenende als zweites Haus Deutschlands im E-Werk auf die Bühne: in einer flotten und doch auch liebevollen Inszenierung von Henriette Hörnigk, im Bühnenbild und mit Kostümen von Franziska Just. Und falls man die Bosheit (des Blicks auf die Verhältnisse) schön nennen kann, dann hier. Es geht um ein Klassentreffen. Lehrerin Frau Kramacher (Brigitte Peters führt vier ganz und gar "unattraktive" Problemschüler vor und wirkt mit ihrer pädagogischen Kommandostimme so, als sei sie selbst Teil des Problems. Beim Erinnern im Partyzelt ist man schnell in den Rollenmustern von einst, imitiert linkisch ein paar Tanzbewegungen, wirkt überhaupt ständig wie eine unfreiwillige Karikatur von Medienvorbildern. Und so scheinen die vier Schüler in ihrer unbeholfenen Coolness die Lehrerthese zu belegen, dass sich die Kinder frühzeitig in Aussätzige, Mitläufer und wenige Alphatiere aufspalten. Doch nicht ein Hohngelächter auf prekäre Existenzen bestimmt das Bild - über die wird nur in dem Maße gelacht als jede Unmündigkeit zum Teil auch selbst verschuldet ist. Vielmehr erscheinen die vermeintlichen Außenseiter am Ende als der Durchschnitt: Leute, die es irgendwie doch "geschafft" haben, sich in ihrer Existenz einzurichten - und für die das Älterwerden "ein Geschenk" war. Die Inszenierung zeigt, dass solcher Zynismus komisch und aufklärerisch sein kann. Und in einer Szene über den "V-Effekt" im "postdramatischen Zeitalter" genießt es das Theater sogar, sich über seine eigenen Mittel lustig zu machen. "Postdramatisch" wäre dann wohl auch das flotte Spiel zu nennen, das fast chaotisch zwischen Prosa und Szene wandelt, Haltungen fragmentarisch anbietet und in Frage stellt. Reizvoll auch, wie Jochen Fahr als frustfressender Uwe, Lucie Teisingerova als bleiche Rita, Bettina Schneider als beingeschiente Bea oder Matthias Walter als autistischer Paul gleich noch ihre Widerparts von der "Winner"-Seite darstellen. Doppelspiel der Absurdheit.
von D. Pätzold
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