| Groteskes Klassentreffen Säuselnd doziert die Lehrerin über die Menschen und fällt rasch in Kraftausdrücke. Ihre ehemaligen Schüler installieren ein Festzelt, und was sich dann abspielt, ist ein Klassentreffen quasi als großes Volksfest. "Geile Fete, was haben wir gelacht", setzt Anna Jamborsky mit einem Softsong das sanfte Finale. Extremer Bogen beim Schaupielauftakt am Freitag im Schweriner E-Werk. Abschwellendes Gelächter, bitter werdend und schließlich ein tröstliches Lächeln durchziehen "Die goldenen letzten Jahre" von Sybille Berg in der Inszenierung von Henriette Hörnigk. Vier Personen - als Schüler fett, verunstaltet, unscheinbar, verstört - rekapitulieren in der Verflechtung aus Damals und Jetzt sowie auch mit Figurenwechseln ihr Ausgegrenztsein und wie sie das Leben dennoch in den Griff bekamen im Gegensatz zu einigen Alphatieren ihrer Klasse, die an den modischen Trends scheiterten. Bergs Stück ist schnoddrige Postdramatik. Respektloses Patchwork aus beschädigten Biographien, Absurditäten, wie der vermenschlichte Bär, inbegriffen. Berg ist bekannt für Betrachtungen der zynischen und exzentrischen Art. Hinter der Exaltation aber erzählt ihr jüngstes Stück von zeitgeistig "Erniedrigten und Beleidigten", die nicht in eine Trend-Gesellschaft passen, in der das Materielle wie das Attraktive Hauptsachen sind. Die Autorin wünscht, die Regie möge "merkwürdige Bilder" finden. Das ist Henriette Hörnigk heftig gelungen und ganz ohne Infektion durch die grassierende Video-Grippe. Provokante Szenen. Zwischen Enstellung und Enthüllung, Traurigkeit und Ironie schießen sie lässig, kräftig, bissig Kobolz durch die Spiellust der Akteure, die auch mal überbordet in die Comedy. Jochen Fahrs Uwe, aus Dumpfheit zum Spötter erwachend, herrlich wurstig fiuriert er die Erkenntnis: Kein Elend ohne komische Seite. Das veranschaulichen auch die Schlussverkaufskostüme von Franziska Just. Durchlittene Schwäche führt zur Stärke, die Gefühls-Akne der Schülerjahre verschwindet unterm Puder des späten kleinen Glücks. So bei Bettina Schneiders skurriler Bea, die aus Starre zum Selbstbewusstsein kommt, bei Lucie Teisingerovas Rita, die Unscheinbarkeit abschüttelt. Immer wieder trägt der Pop von "Smoking Joe" Stimmungs-Make-up auf. Klang-Marmelade für Familie Gold und ein Duett von Schneider und Fahr ist musicalverdächtig. Matthias Walters unbeholfener Paul, daneben smart als Yuppie, schlagert als habe er drei Ramazzotti intus. Und ein Hauptspaß ist die mit Dutt gekrönte, durchgehend bissig, nervig oder nervös moderierende Lehrerin von Brigitte Peters, ihr Ton, ihr Habitus waren doch einst glatt schultauglich. Viel Beifall für dieses Sozialkonfetti.
von Manfred Zelt
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