| Gojko Mitic tanzt Sirtaki
Mit einer gelungenen Premiere feiern die Schweriner Schlossfestspiele ihre Fortsetzung: Das Musical „Sorbas“ begeisterte die Zuschauer – nicht nur wegen des einstigen DEFA-Chefindianers in der Hauptrolle.
Schlossfestspiele Schwerin, die Zweite. Nach der wohl meistgespielten Oper, Mozarts „Die Zauberflöte“, hatte am Sonnabend bei fast griechischen Temperaturen und beleuchtet von einem glühenden Vollmond das Musical „Alexis Sorbas“ Premiere
auf dem Alten Garten. Erstmals wagte das Schweriner Theater eine Doppelproduktion bei seinen Schlossfestspielen und der Auftakt am Premierenabend war, nimmt man den langen Applaus als Omen, ein viel versprechender Anfang für eine erfolgreiche zweite Open-Air-Veranstaltung.
Schwerins Schauspieldirektor Peter Dehler hat ein Stück ausgewählt – und einfallsreich inszeniert – das geradezu nach einer Aufführung unter freiem Himmel schreit: Das auf dem Roman von Nikos Kazantzakis basierende Musical „Sorbas“ von Joseph Stein (Buch), Fred Ebb (Gesangstexte) und John Kander (Musik). Vom Duo Ebb/Kander stammen Musical-Hits wie „Cabaret“ und „Chicago“. 1968 hatte das Musical am Broadway seine Uraufführung, und in manchen musikalischen Sequenzen merkt man dieses Alter. Man vergisst es aber auch schnell wieder, denn die rund dreißig Mitglieder der Staatskapelle und die sechs Gast-Solistenmusizieren unter der Leitung von Thomas Möckel sehr lebendig und mitreißend.
Im Zentrum des Stücks steht der Grieche Sorbas, und der wird gespielt, gesungen und getanzt vom DDR-Chefindianer (vonseiten der DEFA-Filme betrachtet) GojkoMitic. Mitic war eindeutig der Star des Abends, und an einem Star ist nichts zu deuteln – deshalb engagiert man ihn ja schließlich. Dass Mitic mehr kann, als mit Federkopfputz auf einem Pferd reiten, das hat er schon häufiger gezeigt, zuletzt in der Schweriner Inszenierung des Stücks „Einer flog über das Kuckucksnest“. Nun wagte er sich an ein bisher völlig fremdes Genre, das Musical – und besteht auch hier. Er formt aus dem Sorbas einen Charakter, zeigt einen Mann in den besten Jahren – der, wenn er von den jungen Leuten als Großpapa verspottet wird, weiß, dass seine guten Jahre vorbei sind. Ernsthaft, mit fein nuancierten Zwischentönen, mit Ironie und derber Macho-Komik stellt Gojko Mitic das Credo von Sorbas dar: „Ich fürchte nichts, ich erhoffe mir nichts, ich bin frei“.
Nun steht auf dem Programmheft zwar „Gojko Mitic ist Sorbas“– aber er ist natürlich nicht allein. Da stehen ihm ein wunderbares Ballett zur Seite (Choreographie Jens Peter Urbich) und die durchweg beachtlich agierenden Mitglieder des Schauspielensembles. Ganz vorn zu nennen und zu loben als Madame Hortense Ute Kämpfer. Die Grande Dame des Schweriner Schauspiels feiert am 3. September ihren 70. Geburtstag und macht sich mit dieser Rolle selbst wohl das schönste Geschenk. Ihre Interpretation dieser ehemaligen Chansonette, die viele Männer geliebt hat, doch von keinem geliebt wurde, ist eindrucksvoll. Ergreifend, wie sie um die Liebe von Sorbas wirbt – im Wissen, sie nicht zu bekommen – und an gebrochenem Herzen stirbt.
Unbedingt zu erwähnen ist Katrin Huke als Erzählerin. Stimm gewaltig und bühnenpräsent hält sie – mit ihren zauberhaften Assistentinnen Isa Weiß und Ulrike Hanitzsch – wie eine Dompteuse im Zirkus die Fäden der Geschichte zusammen.
Eingebettet ist diese Geschichte in einen szenischen Raum, den Bühnenbildner Olaf Grambow mit viel blauer Farbe, rund zweihundert Fässern und reichlich Sand relativ schlicht gestaltete. Der perfekte Rahmen für die exzellenten, das Stück sowohl illustrierenden als auch befördernden Videoinstallationen von Stéphane Maeder und das stimmungsvolle Lichtdesign von Torsten König.
Der „Sorbas“ in der Schweriner Lesart ist eine Herz-Schmerz-Geschichte mit Lebensweisheit, der nötigen Portion Kitsch – die zum Musical wie zum Leben gehört – mit Trommelwirbel und Feuerwerk, mit Seifenblasen und Rosenblätter-Regen, mit Szenen zum Weinen und zum Lachen. Insgesamt beste Abendunterhaltung , also genau das, was von einem guten Theater erwartet wird.
von Karin Gustman
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