| Mozarts „Zauberflöte“ eröffnet die Schlossfestspiele Schwerin Mut gehört schon dazu, einen derart rostigen Kasten mitten auf den schönsten Platz Norddeutschlands zu knallen. Nur am oberen Rand der Einfriedung des Theaterraums hat der Künstler Jörg Herold einen „Zeitenfries“ aus Gemälden platziert. Regisseur Arturo Gama balanciert auf diesem Bilderbogen. Mit seiner „Zauberflöte“ für die Eröffnung der Schweriner Schlossfestspiele begeht der Mexikaner eine Gratwanderung zwischen Geschichte und Gegenwart.
Riesig ist die Schlange, die sich wie ein chinesischer Drache an Stäben geführt über die Bühne windet und Tamino in Ohnmacht fallen lässt. Ein märchenhafter Effekt, der die Zuschauer gleich zu Beginn bannt. Einer von wenigen, wie auch die romantischen Bilderbuchwolken aus Holz, die an Seilwinden über die Bühne gezogen werden. So naiv kann modernes Theater sein. Sonst setzt Gama eher auf Minimalismus. Von Olaf Grambow hat er sich eine gelbe Bühne zimmern lassen, die an Dieter Dorns legendäre Faust-Inszenierung erinnert und mit ihrem tiefen Graben an ein Eisbärengehege in einem 70er-Jahre-Zoo denken lässt (Nur der Bär fehlt.) Das Spielniveau ist dadurch auf Augenhöhe des Publikums angehoben, so dass die Schauspieler wirklich vor der Kulisse des Schlosses agieren.
Raphael Pauß gibt den Tamino im rotbraunen Lederwams wahrlich heldenhaft und singt auch eben so. Roman Grübner spielt den Vogelfänger Papageno im Clownskostüm als arglosen Harlekin mit blonden Rastalocken. Und Katherina Müller geht ganz in ihrer Rolle der Pamina auf, die mit zart, einfühlsam akzentuiertem Gesang das Publikum wahrlich bezaubert. Ihre empfindsame Arie
Ach, ich fühl's ist ein Höhepunkt des Abends. Bettina Lauer (Kostüme) sorgt für ein Raunen im Publikum, wenn die Schleppe der Königin der Nacht wie das Rad eines Pfaus „aufgeht“, an Stäben von zwölf Statisten gespreizt. Nur die kitschigen Kostüme der drei Damen wirken wie aus einem tschechischen Märchenfilm. Ostereiern gleich in türkis, lila und rosa muss man sie auf der großen, leeren Bühne schon mal suchen.
Hyon Lee als Königin der Nacht singt die Koloraturen mitsamt dreigestrichenem F gewandt, aber nicht wirklich ausdrucksstark. Judith Kubitz hält ihre Mecklenburgische Staatskapelle dezent im Hintergrund. Die Möwen über dem Schloss drehen ab, wenn Papageno seine Arie
Der Vogelfänger bin ich ja anstimmt. Die Zuschauer wippen mit bei den Mozart'schen Hits. Frank Blees als Sarastro hat bei den tiefen Partien so seine Schwierigkeiten, wirkt in seinem weißen Mantel fast wie der anfangs vermisste Eisbär. Wenn er auftritt, folgt ihm der ebenfalls in Weiß gekleidete Chor der Isis- und Osirispriester. Monostatos hingegen wird flankiert von Pferden, Hunden und hässlichen Glatzköpfen, die auch als Orks in Tolkiens
Herr der Ringe durchgehen würden.
Gama legt sein Hauptaugenmerk auf die Initiation seiner Helden, ohne dabei zu psychologisieren. Er versteht es, wie beim Öffnen eines Taubenschlags am Anfang oder der Feuer-/Wasserprobe am Schluss, schöne Theatereffekte zu erzielen, ohne anbiedernd mit Pyrotechnik zu wuchern. Seine Zauberflöte wird so nie zum populistischen Open-Air-Spektakel. Und das ist gut so.
von Welf Grombacher
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