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    Die Orestie

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 27. April 2009
    Mehr Infos zu: Die Orestie



    Neue Antike-Entdeckungen

    „Die Orestie“ von Aischylos am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin

    Wo Christa Wolfs „Kassandra“ endet, beginnt „Die Orestie“ des Aischylos. Am Freitag hatte die einzige, vollständig erhaltenen tragische Trilogie des klassischen griechischen Theaters Premiere in Schwerin. Starker Beifall für ein starkes Schauspielensemble, das diese Bezeichnung voll und ganz verdient – Ensemble.

    Gleich zu Beginn der Inszenierung von Tilman Gersch, als der Chor der Ältesten die Bühne tänzelnd, wie im Trance betritt, drängt sich eine Frage geradezu auf: Wie inszeniert man eine Tragödie aus dem 5. Jahrhundert zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Der Regisseur und seine Kostümbildnerin Henrike Engel scheinen dem Publikum ein wenig Angst einjagen zu wollen. Die graugewandeten Ältesten mit ihren mächtigen Röhrenhüten und klobig-schwarzen Holzschuhen beschwören das klassische griechische Theater geradezu herauf, das anfangs mehr religiöse, rituelle Kulthandlung unter freiem Himmel war als bloße theatrische Unterhaltung.

    Doch schon mit dem furiengleichen, katzenhaften Auftritt von Klytaimnestra (Bettina Schneider) im goldenen Partyfummel nimmt der Abend Fahrt auf in Richtung eines zeitgenössischen Theaters, das die alte Geschichte in einer Sprache erzählt, die auf verkrampfte Antikisierung nicht angewiesen ist.

    Dazu trägt natürlich auch die poetische und zugleich komprimierte Prosaübersetzung Peter Steins bei, die in Schwerin noch einmal sinnfällig gekürzt und auf den Punkt gebracht wurde.

    Was auch zwingend war, um den Abend über die drei Stunden hinaus nicht ausufern zu lassen. Denn „Die Orestie“ ist anspielungsreiche, mythische Erzählung aus der Frühzeit unserer Kultur und Familiengeschichte zugleich.

    „Reichtum ist kein Schutz. Reichtum ist kein Schutz.“Eine blutrünstige Geschichte: Königin Klytaimnestra schlachtet ihren Mann Agamemnon und seine Geliebte Kassandra, als er nach 10 Jahren aus dem Trojanischen Krieg heimkehrt. Daraufhin tötet der titelgebende Orestes seine Mutter Klytaimnestra eher widerwillig. Von den Rachegöttinnen gejagt, hetzt er durchs Land, bis ihn Göttin Athena in einer Gerichtsverhandlung freispricht, die rächenden Erinyen besänftigt und sie in das Athenische Gemeinwesen eingliedert. Der blutige Kreislauf von Mord und Rache ist durchbrochen. Der schwere Pelzmantel, den in der Inszenierung nach und nach Opfer, Täter, Opfer, Täter tragen, darf getrost in die Mottenkiste wandern. Das uralte Gesetz „Wer tut, muss leiden“ endet in der Urstunde der griechischen Demokratie, deren Widerhall Aischylos in seiner Tragödie verarbeitet hat.

    Was nun soll uns dieses düstere Drama heute? Mögliche Assoziationsfelder liefert die Dramaturgie im Programmheft gleich dutzendweise; es ist wie „Der Spiegel“ gestaltet und listet die Übel dieser Welt eines nach dem anderen auf: traumatisierte deutsche Afghanistan-Heimkehrer, Tieropfer, moderne Sklaverei, Frauenrechte, Blutrache, vernachlässigte Kinder. Nun ja.

    Möge jeder Zuschauer für sich in der Inszenierung entdecken, was noch immer im alten Mythos steckt. Wenn zum Beispiel Orestes (Hagen Ritschel) hin- und gerissen zwischen eigenem Wollen und dem Sollen von ganz oben getrieben wird. Das ihm verweigerte Erbe nicht zu vergessen. „Erfolg, Glück, Macht gilt den Menschen als Gott…“ Und der Chor der Ältesten kreischt dazu in schadenfrohem Tanz „Reichtum ist kein Schutz. Reichtum ist kein Schutz.“

    Überhaupt der Chor: Er ist der Hauptdarsteller dieser Inszenierung. Weiser Kommentator, Stammtisch, Einpeitscher, Ankläger, Beschwichtiger und im dritten Teil auch noch als verrückte Unterschichten-Zombies agierende Rachegöttinnen. Wie homogen stark das Schauspielensemble in den letzten Jahren gewachsen ist, beweist nichts mehr als das Erlebnis dieser perfekt synchron sprechenden und agierenden Spieler im Chor, aus dem jeder hervortreten und als Solist überzeugend agieren kann.

    Als die murrenden Rachegötter zum Schluss von Athene und Apollon in smarter Geschäftsmanier manipuliert und eingemeindet werden und in die neue Zeit verschwinden, steht Orestes ganz oben auf einer Leiter und scheint dem neuen Frieden nicht zu trauen.

    Alles in allem mag es ja sein, dass auch Aischylos wie Shakespeare noch immer unsere Stücke schreibt und wir also bei uns nicht angekommen sind. Die atemlose Spannung, mit der die Athener damals der „Orestie“ gelauscht haben mögen, weil ihre ureigenen Probleme verhandelt wurden, will sich heute nicht mehr ganz so uneingeschränkt einstellen.

    von Holger Kankel

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