| Fünf Tote und kein Blut
Griechische Antike am Theater Schwerin. Regisseur Tilman Gersch konzentriert sich in „Die Orestie“ auf das gesprochene Wort.
Die letzte Premiere im Großen Haus des Schweriner Theaters vor der großen Umbaupause – die Untermaschinerie wird erneuert – gehörte dem Schauspiel. Am Freitag wurde die einzige vollständig erhaltene Trilogie des antiken griechischen Theaters, „Die Orestie“ von Aischylos, in ihrer Schweriner Version vom Premierenpublikum gefeiert. Gemeinhin gilt ein Regisseur beim Umgang mit der griechischen Antike dann als mutig und zeitgemäß, wenn er reichlich Theaterblut auf der Bühne verkleckert und seine Protagonisten sich darin möglichst lange wälzen. Solchen vordergründigen, aufgesetzten und abgenutzten Firlefanz hat Regisseur Tilman Gersch nicht nötig. Er besitzt vielmehr den Mut, bei seinem Publikum Verstand und Fantasie vorauszusetzen, konzentriert sich in seiner Inszenierung auf das gesprochene Wort. Da ist es mucksmäuschenstill (die üblichen Theaterhuster mal ausgeblendet) im ersten Teil der Tragödie, in der die Opferung Iphigenies geschildert wird. Archaisch kommentiert der Chor der Ältesten, wie der Vater Agamemnon seine Tochter Iphigenie tötet, wofür ihn Klytaimnestra, die Frau Agamemnons und Mutter von Iphigenie, hasst. Sie hat sich Aigisthos, der auch eine lang zurückliegende offene Rechnung mit Agamemnon hat, als Liebhaber ins Bett geholt, und sie sinnt auf Genugtuung. Der Teufelskreis der Rache dreht sich: Klytaimnestra tötet Agamemnon und die von ihm als Liebesbeute mitgebrachte Seherin Kassandra und hofft, nun wäre alles gut. Doch der Chor der Ältesten und der Frauenchor trauern um den toten König und fordern Vergeltung. Orest, der in der Fremde erzogene Sohn Agamemnons, kehrt zurück, um, wie erwartet, den Vater zu rächen. Auf Geheiß des Gottes Apollon bringt er Aigisthos und – was ihm sichtlich schwer wird – seine Mutter um. Der Mord als Pflichterfüllung sozusagen. Aber auch Orest findet keinen Frieden, ihn jagen die Erinyen, die von seiner sterbenden Mutter beschworenen „wütenden Hunde“ die – man ahnt es – Klytaimnestra rächen wollen. Da greift die Göttin Athene ein, sie unterbricht die Serie aus Mord-für-Mord. Orest wird vor ein Gericht gestellt, freigesprochen, die wütenden Hunde scheinen besänftigt, doch man fragt sich, für wie lange? Ist das Umwandlung von Blutrache in Vernunft und Demokratie mittels Richterspruch? Tilman Gersch demonstriert die bis heute gültige Fragwürdigkeit dieser Theorie, indem er den dritten Teil der Tragödie mittels Kostümierung des Chores in die Gegenwart holt. Die Kostüme von Henrike Engel sind, wie auch ihr Bühnenbild, genial einfach. Mit Details, wie den goldenen Schuhen des Frauenchores charakterisiert sie Situationen und Charaktere, die natürlich in erster Linie von dem exzellenten Schauspielensemble geformt, getragen, dargeboten werden. Herauszuheben als „Primus inter pares“ wäre Bettina Schneider als Klytaimnestra, die aber wie alle anderen auch Teil der Chöre ist. Als Ensemble präsentieren aber alle, unterstützt von den erwähnenswerten Musikcollagen von Bernd Jastram, eine ergreifende, für das Hier und Heute gültige und anregende Lesart der griechischen Antike.
von Karin Gustmann
alle
Pressestimmen
|