| Ringen um die Macht Das Frühlingsopfer zählt heute zu den beliebtesten Partituren Strawinskys und wird in diesen Tagen allein in Mecklenburg-Vorpommern gleich zweimal als Ballett gegeben. Während Ralf Dörnen es in Greifswald mit Bachs Goldberg-Variationen auf die Bühne bringt, erzählt Lars Scheibner in Schwerin die Vorgeschichte des heidnischen Rituals.
Als 1913 Le Sacre Du Printemps in Paris uraufgeführt wurde, sorgte es für einen Skandal. Sogar Schläge und Boxhiebe soll es gesetzt haben. Igor Strawinskys (1882-1971) wilde Orchestersuite und Wazlaw Nijinskys völlig neuartige Choreographie waren zu viel fürs Publikum. Lars Scheibner stellt jetzt Strawinskys halbstündiger Orchestersuite mit zeitgenössischer Musik von Michael Gordon, David Lang und Philip Glass einen einstündigen Modern-Dance-Abend voran. Beginnend mit der Grablegung des Geopferten bis hin zum erneuten Opfer ein Jahr später.
Totenbahre rechts und ein quellender Teich links bilden die Pole zwischen denen sich alles abspielt. Komplettiert wird die Bühne durch einen rostigen Überseecontainer, der sich vielfältig mit Symbolik aufladen lässt. Mal entsteigen ihm Tänzer, geboren wie aus der Mutterhöhle. Mal wird er auf der Drehbühne effektvoll zur Fähre ins Totenreich. Mal zum Sarg, wenn Türen hinter der Todgeweihten zuschlagen.
Mit wenigen Requisiten hat Rico Heidler einen modern atmosphärischen Bühnenraum geschaffen, der sich multifunktional einsetzen und den Tänzern Platz lässt. Den brauchen sie auch, denn das ganze Ensemble ist immer auf der Bühne. In Schwarmformationen fliegen die Tänzer umher. Bekleidet mit einer schillernden Schlangenhaut und einem variabel einsetzbaren Poncho, der mal als Kapuze, Rock oder Hose genutzt wird (Kostüme Daria Scheibner).
Der 1976 in Sankt Petersburg geborene Tänzer und Choreograph Lars Scheibner, der in Berlin aufgewachsene ist und nach Engagements in Kiel sowie an der Komischen Oper mit dem
Frühlingsopfer seine dritte Inszenierung in Schwerin hinlegt, sagt, ihn habe interessiert, „was sich zwischen den Ritualen“ abspiele. Er begreift das Menschenopfer als identitäts- und gemeinschaftsstiftendes Ritual und will die Gruppendynamik, das kollektive Unbewusste untersuchen. Die Bahre am Bühnenrand wird zur Couch des Psychologen, der Regisseur zum Analytiker.
Zunächst herrscht Harmonie. Doch mit zunehmender Zeit löst sich die Gruppe auf. Einzelne versuchen durch Machtkämpfe die Vormacht zu errangen. Die Choreographie will die archaischen Kräfte, die Bewegung erforschen, die diesen sozialen Prozessen immanent ist. Im Vergleich zur zeitgenössischen Musik wird deutlich, wie stark Strawinskys Komposition auch heute noch wirkt.
Wenn der großartige Ansatz allerdings nur teilweise aufgeht, liegt das daran, dass die Bilder oft nicht stark genug sind. Das Ringen um Macht dominiert. Affekte wie Trauer, Skrupel oder Depression, die ein solches Opfer ebenso nach sich zieht, gehen unter. Auch fehlt am Ende die Ekstase. Dass sich das Opfer zu Tode tanzt, nimmt der Zuschauer ihm nicht ab. So wird bei der gleichwohl anregenden Inszenierung die Zeit ein wenig lang. Fast so wie beim Warten auf den Frühling.
von Welf Grombacher
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