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    Frühlingsopfer

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 16. März 2009
    Mehr Infos zu: Frühlingsopfer



    Visionen in blutiger Zeit

    Lars Scheibners „Frühlingsopfer“ im Mecklenburgischen Staatstheater Blutiger Mythos.

    Das Ballett „Frühlingsopfer“ choreographierte Lars Scheibner in Schwerin mit zeitgenössischen Kompositionen und Igor Strawinskys legendärem „Le Sacre du Printemps“. Jubelrufe bei der Premiere am Freitag.

    Das „liebliche Geläute“ des Auftakts kann kaum leise durchs Gemüt ziehen. Mendelssohns romantisches Lied zu Heines Frühlingsgruß wird rasch übertönt. Mystische, raue, aggressive Klänge.Erdige Gestalten entwachsen dem Boden, betten einen Getöteten. Archaischer Ritus zur erwachenden Natur: Menschenopfer soll den Gott des Frühlings günstig stimmen. Wie aber stimmt und bestimmt es die Menschen? Daran entzündet sich Lars Scheibners „Frühlingsopfer“. Es erzählt keine Handlung. Es verknüpft Visionen in blutiger Zeit. Damit erweitert und variiert der Choreograph Strawinskys Szenen eines heidnischen Sakralkults zum Zyklus von Opfer zu Opfer. In diesem Kreis geraten Harmonie, Machtkämpfe, sexuelle Lust, Vereinsamung, Zerfall der Gemeinsamkeit zu erhitzten Assoziationen. Oder zu Träumen, wenn ein verrotteter Container - verstörendes Zeichen auf Rico Heidlers weiter und dennoch bedrückender Bühne - übers Wasser gerudert wird. Auch zum Albtraum, wenn vor einer Schwangeren eine Blutspur fließt, wenn das alte Opfer – auch das ein Alb – erwacht und das neue markiert. Provokante, wilde Bilder. Aus tänzerischer Bewegung, die nicht vordergründig die Bedeutung des Tanzes meint, sondern artikuliert, was zu seinem Wesen gehört: Emotion und Phantasie zu wecken.

    Mit konstruktiv verwandten Kompositionen von Michael Gordon, David Lang und Philip Glass führt Scheibner hin zu Strawinskys Ausbruch, der bei der „Sacre“-Uraufführung 1913 in Paris auch Schläge im Publikum auslöste. Mit ausgeklügelten Tongruppen und Motorik erklingen bei Strawinsky Schocks und Barbarei. Ein anschwellender „Pan-Schrei“, wie der Komponist notierte. Musik, die keine bildnerische Beschönigung duldet. Und so treibt auch der Choreograph aus bedrohlicher Ruhe heraus zu brutalen rhythmischen Attacken, in denen sich Gruppen formieren, Individuen sich anfallen, Beziehungen sich auflösen wie musikalische Strukturen unter der Wucht des Expressionismus.

    Scheibner gelingen so zugespitzte wie stimmige körperliche Formulierungen, in denen Gruppenzwang, Dämonie, Verlorensein greifbar sind, elementar wirken. Zwischen forcierter Tanz-Athletik auch einige klassische Zitate. Im weiten Sinne erzählt Scheibner von der Manipulation durch Dogmen und damit nicht nur von einem Mythos. Und auch Daria Scheibners wandelbare Kostüme bezeichnen Täter wie Geschundene in kreatürlicher Blöße.

    „Le Sacre du Printemps“ kommt aus der Edelkonserve von Simon Rattle und dem Birmingham Symphony Orchestra. Wie von den Klängen gepeitscht, vibriert das Ensemble, lässt hochtourig seine niedrige Anzahl vergessen. Es reißt Befindlichkeit auf, innere wie äußere Bedrängnisse bis zur Ekstase. Jelena-Ana Stupar, Barbara Melo Freire, Rustam Savrasov, Maxim Perju hochgespannt in exponierten Parts. Atemberaubende Dynamik durch Ensemble-Energie: Solisten wie Kellymarie Sullivan explosiv im Gruppendienst. Und zwischen Vereinzelung, früher Ahnung, Starre und Eruption prägt Davina Kramer so empfindsam wie impulsiv das Opfer in Bereitschaft, verschwistert der antiken Iphigenie.

    Am Ende lieblicher Mendelssohn, doch heftig durchs Gemüt zieht ein aufregendes Ballett. Mit ihm steht Schwerins Ensemble markant in der zeitgenössischen Tanzszene.

    von Manfred Zelt

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