| Chronik eines unerwarteten Infernos
Ein starkes Stück Gegenwartstheater:
„Schwarzes Tier Traurigkeit“ im Schweriner E-Werk
Was bleibt von einem Menschen, wenn eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes sein Leben von heute auf morgen in Schutt und Asche legt?
Wenn nach dem Inferno Schuld und Trauer und Schmerz so übermächtig werden
Was bleibt von einem Menschen, wenn eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes sein Leben von heute auf morgen in Schutt und Asche legt? Wenn sich nach dem Inferno Schuld und Trauer und Schmerz so tief in seine Seele brennen, dass nichts mehr ist, nichts mehr wird, wie es einmal war?
Große Fragen in einem großen Stück Gegenwartstheater. Die Inszenierung von Markus Wünsch hatte am Donnerstag im Schweriner E-Werk Premiere. Starker Applaus nach zwei atemlosen Stunden.
„Schwarzes Tier Traurigkeit“ – diesen geheimnisvollen und schönen Titel hat die junge Dramatikerin Anja Hilling (33) ihrem Text gegeben, ein unspielbar scheinender Bastard aus Prosa und Drama, Lyrik und Stakkato-Assoziationen.
Ein Stück zur Klimakatastrophe, könnte man sagen. Andere mögen es als Parabel auf unsere Verlorenheit in einer verlorenen Welt lesen, als den Nachruf, Weckruf, Verzweiflungsschrei des modernen, ausgebrannten Menschen in den von Liebe und Utopien entleerten Höllen, die wir Leben nennen.
Es beginnt als Grillparty. Sechs Freunde, die sich mögen, mehr oder weniger, sich mal geliebt haben, immer noch lieben oder gerade dabei sind, sich zu entlieben, plaudern, trinken, essen in einem ausgetrockneten Wald. Der ist so trocken, dass man das „Schaben von Eichhörnchennägeln an abblätternden Baumrinden“ hört. Sie schlafen ein. Sie wachen auf. Der Wald brennt. Sie sind mitten im Schoß des Feuers. Sie schwitzen, zittern, frieren, glühen, brennen, verbrennen, versuchen zu entkommen. „Das hier hat keiner erwartet, darauf hat dich keiner vorbereitet.“
Diese zweite große Szene des Stücks ist nichts für schwache Nerven. Die Autorin entwirft ein grandios-grausames Szenario, wie auf einem Gemälde von Bosch oder wie für die große Kinoleinwand entworfen. Das Frappierende in dieser Szene wie in der gesamten Inszenierung: Die sechs Spieler, elegant weiß gekleidet, sitzen auf Barhockern, oder treten allenfalls kurz an die Rampe, und erzählen wie in den alten Zeiten des Theaters, erzählen Geschichten, malen Sprachbilder, deuten durch sparsame Berührungen und beredte Blicke Beziehungen ihrer Figuren an.
Der Theaterabend entsteht gleichsam im Kopf des Zuschauers. Der muss freilich zwei Stunden lang konzentriert zuhören. Und selbst wenn er diese selten gewordene Tugend aufbringt, wird er kaum die ganze poetische Fülle des Textes, dieses raffiniert konstruierte Kunstwerk aus Anspielungen, Metaphern, Binnengeschichten und Wortwitz beim ersten Hören erfassen können.
Während der Baldachin aus Leuchtstoffröhren (Bühne: Franziska Just) in der Waldszene grün glühte und rot in der zweiten, wirft er ein eiskaltes Licht auf den dritten Teil, in dem die Überlebenden zu überleben versuchen. Irgendwie. Jeder anders. Gebrandmarkt.
Wie Charlotte Sieglin, Anja Werner, Jochen Fahr, This Maag, Hagen Ritschel und Florian Rummel dieses schwierige, zur rechten Zeit heraufbeschworene „Schwarze Tier Traurigkeit“ zähmen, mutig mit ihm spielen und ihm zugleich sein Geheimnis lassen, hat man in dieser packenden und berührenden Intensität lange nicht in Schwerin gesehen. Mehr davon.
von Holger Kankel
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