| Lustige Geschichten
und drollige Nummern Peter Dehler erzählt den Struwwelpeter neu
Als mit den letzten Minuten des alten Jahres auch der Fliegende Robert im Bühnenhimmel entschwunden und die letzte Struwwelpeter-Geschichte erzählt war, bedankte sich das Publikum im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters mit jubelndem
Applaus für einen zumeist amüsanten Theaterabend.
Es geht die Mär, begnadete Schauspieler könnten den Vortrag des Telefonbuchs zum Erlebnis machen. Schauspieldirektor Peter Dehler scheint mit ähnlichen Gaben gesegnet zu sein, wenn er, wie vielfach unter Beweis gestellt, nichttheatralische Texte auf der Bühne zu dramatischem Leben erweckt. Märchen, Filmklassiker oder Weltliteratur – verdehlern ist die Wortschöpfung für derlei unbekümmerten Umgang mit woanders Hergenommenem als Spielmaterial. Diese Technik hat nicht nur Freunde.
Diesmal hat Dehler sich gleich das erfolgreichste Kinderbuch überhaupt vorgenommen: Heinrich Hoffmanns Horrorreigen „Der Struwwelpeter“. Die „lustigen Geschichten und drolligen Bilder“ um Hans Guck-in-die Luft, den Zappel-Philipp und den Suppen-Kaspar haben Regisseur Peter Dehler und Thomas Möckel, der die Musik komponiert hat, in eine Nummernrevue übersetzt, die nahezu wortgetreu bei Hoffmann bleibt, aber mit dessen heute unerträglich moralinsauren Texten spielt.
Für jede Geschichte hat das Inszenierungsteam eine andere theatralische Sprache gefunden. Der böse Friederich erhält seine Strafe in einer Flower-Power-„Hair“-Nummer. Das ungehorsame Paulinchen verbrennt in einer sehr komischen Operettenpersiflage. Die intoleranten schwarzen Buben werden vom Nikolas in einem 30er-Jahre-Agit-Prop-Programm samt Live-Malerei belehrt und so weiter.
Wie das bei einer Revue vielleicht gar nicht anders sein kann, lagen auch hier Spitzennummern – der Zappel-Philipp als von Trommeln getriebener Ausdruckstanz oder Konrad Daumenlutscher als chaotische Theaterprobe – neben eher durchschnittlichen – das Entree in Mönchskutten.
Gerade in der aus dem vollen Theaterleben gegriffenen Probe, in der die durchweg jungen Schauspieler ihrem Affen so richtig Zucker geben konnten, wurde deutlich, dass durchaus auch ein anarchisches Hintergrundrauschen im Hoffmannschen Text auszumachen ist. Wäre es noch offensiver, frecher auf der Bühne erkennbar gewesen, hätte es den Abend vollends zu einem Genuss gemacht. Für den uneingeschränkt Andreas Lembcke gesorgt hat, der in meisterhaften Parodien von Geschichte zu Geschichte führte. Ob als Dr. Hoffmann höchstselbst, als Udo Lindenberg, Heino, Herman van Veen, Clown oder Grönemeyer, dieser Schauspieler scheint wirklich selbst als Telefonbuch mühelos sein Publikum begeistern zu können. Herr Schauspieldirektor, wollen Sie nicht dem Lembcke eine große Rolle auf den Leib schreiben?
Holger Kankel
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