| „Gregor ist ausgebrochen“ „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Schon in den ersten Sekunden klingt der Grundton dieses Theaterabends im Schweriner E-Werk an, wenn Jochen Fahr im augenzwinkernden Einverständnis mit dem Publikum den berühmtesten ersten Satz der literarischen Moderne spricht. Angelegt zwischen Ironie, jungenhaftem Staunen und einem natürlichen Akzeptieren jener ungeheuerlichen Verwandlung in ein Tier.
Jochen Fahr, in der Nadelstreifenuniform des kleinen Mannes mit steifem Hut dem Prager Versicherungsangestellten Frank Kafka durchaus ähnlich, steht auf der leeren, schwarzen Bühne im Scheinwerferlicht. Auf der Stelle. Allenfalls seine Schatten mögen an einen vielbeinigen Käfer erinnern. Ansonsten deutet Fahr mit sparsamsten Gesten, dem Zucken einer Schulter, dem Schlenkern der Arme, gelegentlichen Räusperern an, was Kafka selbst als „eine ausnehmend ekelhafte Geschichte“ bezeichnet hat.
Bei deren Vortrag Kafka selbst, so berichteten Freunde, immer wieder in ekstatisches Lachen ausgebrochen sein soll.
Insofern war die Entscheidung des Inszenierungsteams (Regie: Markus Wünsch, Bühne und Kostüme: Franziska Just) richtig, ohne alle regietheatralischen Aufgeregtheiten ganz auf das Skurrile und die Kraft des ungebrochen aktuellen Textes zu setzen und auf das reiche Komödiantentums des Spielers.
Wie das Phantastische in den Alltag eines unglücklichen, geplagten und ungeliebten Menschen einbricht, davon erzählt Jochen Fahr spielend mit einer selbstverständlichen, nahezu freundlichen Beiläufigkeit, die sich ganz in den Dienst des Dichters stellt und die Tragik dieses fühlenden Menschen Gregor Samsa , der als ekliges Es wahrgenommen wird, begreifbar werden lässt.
Herzlicher Beifall nach der Premiere am Mittwoch Abend.
Holger Kankel
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