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    Hänsel und Gretel

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 03. November 2008
    Mehr Infos zu: Hänsel und Gretel



    Zauberhafte Bilderwelt

    Oper „Hänsel und Gretel“ feierte in Schwerin Premiere / Stürmischer Applaus

    Mit der ersten Musiktheaterpremiere der neuen Spielzeit gelang dem Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin am Freitagabend ein Doppelgenuss für Auge und Ohr. Eine zauberhafte Bilderwelt machte Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ für Erwachsene interessant und dennoch für Kinder verständlich.

    „Abends, will ich schlafen gehn, vierzehn Engel um mich stehn“ – mit diesem Abendsegen beginnt in weichem Hornklang die Ouvertüre zur Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Aus dem sinfonischen Fortgang zauberte die Dirigentin Judith Kubitz am Premierenabend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters ein herrliches Klanggemälde. Jeder Gedanke wuchs organisch aus dem vorangehenden heraus, ständig wechselten die Farben, Welle auf Welle baute sich zu vollem Klang auf und wich danach der folgenden.

    Es leuchtet, schimmert, zaubertDann: Vorhang auf! Die Singstimmen kamen hinzu, die Hexenerzählung des Vaters entwickelte sich zu packender Dramatik, der Zauberwald zu flirrendem Stimmengewebe. Judith Kubitz führte Humperdincks Partitur aus dem kleinen Rahmen des Kinderzimmers heraus und versah sie mit der Kraft, den Sehnsüchten und der fesselnden Spannung großer Oper und setzte dies alles mit der Mecklenburgischen Staatskapelle in brillanten Klang um. Allein dies großartige musikalische Erlebnis lohnt schon den Besuch der neuen Schweriner Inszenierung. Doch das eigentlich Faszinierende der Aufführung ist eine beglückende Kongruenz der musikalischen und szenischen Darstellung. Welch eine wunderbare Bilderwelt öffnet sich über der Musik! Der Regisseur Arturo Gama verlangt dem Theatermechanismus ab, was er nur herzugeben vermag. Es leuchtet, schimmert, zaubert, bleibt dabei durchschaubar und gewinnt dadurch eine besondere Anziehungskraft.

    Noch während der Ouvertüre werden Hänsel und Gretel vorgestellt, hinter einem feinen Gazevorhang wirken sie wie aus ferner Märchenzeit. Doch hebt er sich, sobald das Spiel beginnt, und man meint sich dann zuweilen in die Gegenwart versetzt. Der Vater kommt auf dem Fahrrad angeradelt. Das Hexenhaus, das Bühnen- und Kostümbildner Mathias Rümmler in den Wald stellt, zunächst sichtlich eine Bretterbude und nur in der Phantasie der Kinder ein leckeres Pfefferkuchenhaus, öffnet sich zu einem Süßigkeitenladen moderner Prägung mit diversen Lollies, silberverpackten Leckereien und Schokolade.

    Blick in tiefere Schichten des MärchensDoch die Hexe: das ist ja die Mutter! Die Kinder sind nach der Zaubernacht im Wald erwacht, aber nichts ist Realität. Der Traum wirkt weiter. Ist es ein Angsttraum, der ihnen die gefürchteten Seiten der strengen Mutter auf eine Hexe projiziert? Ist es ein Sehnsuchtstraum, der ihrem Hunger süße Erlösung vorspiegelt? Erst der Zusammenfall von Sehnsucht und Angst im Feuer des Backofens befreit die Kinder von Hunger und Furcht und macht sie reif für die Wiederbegegnung mit den Eltern. Arturo Gama gelingt mit diesen Bildern ein interessanter Blick in die tieferen Schichten des Märchens, und damit in die Tiefe der Seele.

    Für die Darstellung seiner Ideen hat er ein erstklassiges Solistenensemble. Geradezu ideal ist Katrin Hübner als Gretel. Mit quicklebendigem Spiel und hellem, mädchenhaftem Sopran kann sie sich ganz in die Rolle hineingeben, ohne kindhaftes Getue aufsetzen zu müssen. Sarah van der Kemp gibt den Hänsel, stimmlich sanfter als die Schwester, mit einem Schuss männlicher Großspurigkeit an der Schwelle des Erwachsenwerdens (alternativ Ulrike Maria Maier und Frauke Willimczik).

    Als Mutter und Hexe fasst Gabriele Scheidecker (alternativ Margo Weiskam ) den in zwei Figuren ausgefalteten Charakter wieder in einer Person zusammen. Singt sie die Mutter in unverhohlener Schärfe, so gibt sie der Hexe die ganze Palette von Tönen zwischen Verführung und Befehl, Zynismus und Hochmut. Der Vater bekommt durch Frank Blees (im Wechsel mit Andreas Lettowsky) eine Charaktertiefe, die weit über das „Heißa, Mutter, ich bin da“ hinaus geht. Mit seinem kraftvollen Bariton verleiht er der Hexenerzählung echte Gefährlichkeit und führt damit das Stück zu einem ersten Höhepunkt.

    Das Premierenpublikum war begeistert. Jubel und Bravorufe unterstützten den stürmischen Applaus. Sie galten der Dirigentin und der Kapelle ebenso wie dem Regieteam und den Darstellern, besonders auch den vierzehn Engelartisten und dem Kinderchor, den Ulrich Barthel einstudierte.

    Michael Baumgartl

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