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    Die Verwandlung

    Quelle: Ostseezeitung
    vom: 10. Oktober 2008
    Mehr Infos zu: Die Verwandlung



    Das komische Grauen mit Kafka

    „Vielmehr liege ich ganz und gar auf dem Boden, wie ein Tier, dem man (auch ich nicht) weder durch Zureden noch durch Überzeugung beikommen kann.“

    Selbstentwertungen solcher Art finden sich häufig bei Franz Kafka. Sie lassen ahnen, wie sehr seine Erzählung „Die Verwandlung“, in welcher der kleine Angestellte Gregor Samsa eines Morgens „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ erwacht, auch autobiografisches Spiel ist.
    Darüber hinaus aber bietet die wohl berühmteste Erzählung des 20. Jahrhunderts ein schlagkräftiges Bild für das Elend des entfremdeten Menschen. In diesem Sinne erlebte sie am Mittwoch am Mecklenburgischen Staatstheater eine eindrucksvolle Premiere. Die Schweriner Version von Regisseur Markus Wünsch kommt minimalistisch daher. Sie setzt ganz auf die Kraft des Textes – und auf die Ausstrahlung eines großartigen Schauspielers: Jochen Fahr steht allein auf leerer Bühne, die Beleuchtung macht möglich, dass um ihn her ein großes, schwarzes Nichts ist. Aus der Dämmerung taucht er auf: kein Gregor Samsa, eher ein anderer Herr K. – wie Kaufmann, wie Kleinbürger. Oder wie Kafka.
    Mit buschigen Augenbrauen, im gutbürgerlichen Gehrock, überm pomadierten Mittelscheitel eine Melone. Und wenn Jochen Fahr als dieser K. die Novelle erzählt – ein wenig überkorrekt zunächst, mit naiver Ungläubigkeit ob der eigenen Verwandlung und um Fassung bemüht – dann lässt der Schauspieler tatsächlich den ganzen Saal schwingen: das präzise Mienenspiel ebenso wie seine eigentümliche Sprechmelodie oder die Kunst, mit Pausen Wichtiges zu sagen. Fahr ist im Schweriner Ensemble der Charismatiker der Ironie – umso erstaunlicher ist nun, wie er im Verlauf seiner Ein-Mann-Show das Ironische in den Hintergrund rückt. Zu Beginn nämlich wirkt Kafkas Klage der Entfremdung komisch: Die Idee des Menschen als Käfer wird kurios, sobald sie zur detailfreudigen Durchführung kommt. Doch Samsa erlebt nicht nur die eigene Verwandlung, sondern auch die seiner Umgebung. Wie in deren Verhalten aus dem „Er“ ein „Es“ wird, aus dem Sohn bzw. Bruder ein Ungeziefer, ganz allmählich, in kleinen, immer wieder noch komischen Dosen, das ist der eigentliche Horror des Geschehens.

    DIETRICH PÄTZOLD

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