| „Jugend ohne Gott“ – über den Mangel an Leitbildern Mit gleich zwei Premieren eröffnete das Schauspielensemble die neue Spielzeit im Schweriner Theater. Nach Moliéres „Menschenfeind“ im Großen Haus gab es nur einen Tag später im E-Werk „Jugend ohne Gott“ nach Ödön von Horvath. Schwerins Schauspieldirektor Peter Dehler wirkte wieder einmal als Allround-Talent: Er schrieb die Schweriner Theaterfassung des 1937 veröffentlichten Romans, führte Regie, war auch verantwortlich für die Ausstattung. Ein Krimi ist die Dramatisierung des Erfolgsromans geworden, über lange Strecken der rund neunzig Minuten dauernden Vorstellung auch Lustspiel – zumindest hat sich das zumeist junge Publikum lange und lautstark amüsiert. Vor allem aber ist diese „Jugend ohne Gott“ eine Zustandsbeschreibung der Situation junger Menschen – ohne Glaube, Liebe, Hoffnung. Eine heranwachsende Generation, die selbständiges Denken nicht gelernt hat. Nicht lernen wollte? Nicht lernen sollte? Angepasst einem Mainstream hinterher zu laufen ist bequemer, macht weniger Probleme, als selbst eine Meinung zu entwickeln. Die Erwachsenen machen es vor, sie haben sich eingerichtet in der Welt, sitzen die Zeit bis zur Rente aus, um die ungekürzte Pension zu erreichen. Mit dem Satz „Neger sind auch Menschen“ nimmt die Geschichte ihren Anfang. Der Lehrer sagt ihn als Kommentar zu einem Schulaufsatz. Ein politische Inkorrektheit, die ihn den Job kostet. Doch vor der Suspendierung muss er mit den Schülern in ein Osterlager fahren, eine Art vormilitärischer Drill. Ein perfider Spaß für den kommandierenden Feldwebel, eine eher schockierende Erfahrung für den Lehrer. Die sich zum Entsetzen steigert, als einer der Schüler ermordet wird. Es gibt Verdächtigungen, Anschuldigungen – und einen Mörder, der sich selbst umbringt. Der Lehrer geht nach Afrika – weil er ein Mensch bleiben möchte, weil er resigniert vor dieser verrohten, hilflos alleingelassenen Jugend? „Jugend ohne Gott“ ist ein Stück über die Suche nach Leitbildern, nach Werten, nach Beständigkeit im Leben. Wobei die Zeit-Ebene Interpretationssache ist: Es kann, wie im Roman, die Nazi-Zeit vor dem zweiten Weltkrieg sein, es kann das Heute sein mit erstarkendem Rechtsradikalismus und der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Jugend „ist“ nicht, Jugend wird beeinflusst, geprägt, erzogen. Von Lehrern, Eltern, der Gesellschaft und vielleicht auch vom Theater. KARIN GUSTMANN
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