| Trostloses Ringelspiel Ein Clown tastet sich mit Blindenstock durch den Vorhang, schnuppert und raunt. Er wird später - Nietzsche lässt grüßen - sinnieren, ob Gott tot ist oder nur ausgewandert, wird mit Kopfkratzen begleiten, was vorgeht.
Wenn er die weiße Gardine aufzieht, scheint unter lieblichen Klängen vom Synthesizer alles brutal deutlich in der Schulklasse. Der Lehrer ist schockiert über rassistische Aufsätze, seine Schüler lehnen ihn ab, ein nationalistischer Vater droht ihm. Die Direktorin beschwört Anpassung bis zur Pension.
Regisseur Dehler eröffnet mit szenischen Kontrapunkten Peter Dehler eröffnet seine Adaption von Ödön von Horváths "Buch gegen geistige Analphabeten" mit szenischen Kontrapunkten, die Erhellung verlangen. Denn manches liegt im Dunkeln, wenn die Klasse ins Zeltlager mit vormilitärischer Ausbildung fährt. Dort kommt ein Schüler zu Tode. Die Schuldfrage ist verwickelt.
"Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein ..., doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition." So Horváth (1901-1938), Sohn des habsburgischen Vielvölkerstaates, kritischer Zeitzeuge und Poet dazu, in seinem Roman. Geschrieben 1937, schildert "Jugend ohne Gott" aus der Perspektive eines jungen, gläubigen Lehrers das Verkommen von Jugend durch den Verlust humanistischer Werte.
Horváth hat die Demaskierung des Bewusstseins zu seinem Grundmotiv erklärt - in der Auseinandersetzung mit dem Unterbewusstsein. Also buchstabiert Dehler nicht den Roman, er fasst das Thema in assoziative Szenen, die den Touch expressionistischer Bilder haben. Bizarr, banal, absurd erzählen sie zwischen Gruppenzwang und dem "Frühlingserwachen" der Pubertierenden von Verirrungen bis zum Mord. Mit der Komik, die auch im Unheil haust. Mit sanften, explosiven, bissigen Klanguntermalungen von John R. Carlson. Rummelplatzmusik zu Schießübungen. Rohe Schüler, dumpfer Drill, ein hilfloser Lehrer. Realistisches und Groteskes mischen sich zu durchaus gegenwärtiger Befürchtung und Beklemmung.
Figurenskizzen mit Charakter: In den Schülern von Hagen Ritschel, Florian Rummel und Johann Zürner gären Renitenz, Ziellosigkeit und Gewalt. Jakob E. G. Kraze gibt den deutschen Feldwebel der Lächerlichkeit preis, Brigitte Peters vertantet eine unsägliche Direktorin. Anja Werner als tänzerische Verführerin. Nur kurz ist der Lehrer von Rüdiger Daas selbstbewusst, rasch wird er von Ratlosigkeit befallen, gerät, wenn er nach Motiven der Jungen sucht, selbst nervös ins Fehlverhalten. Und durch dieses trostlose Ringelspiel moralischer Auflösung zieht David Emigs Clown wie ein Menetekel. Eine Aufführung in Horváths intuitivem Geist.
MANFRED ZELT
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