Kein Verlass auf Gefühle Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ getanzt im E-WerkBallett leuchtet mit einer Uraufführung. Der Choreograph Paul Julius hat Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ im E-Werk auf die Tanzbühne gebracht. Jubelschreie bei der Premiere am Donnerstag.
Sie schweben auf Glücksschwingen. Doch vor dem Traualtar stößt der Bräutigam die Braut wütend zu Boden. Sie zuckt wie ein weidwundes Tier. Extreme Duette. Jelena-Ana Stupar als Hero, Rustam Savrasov als Claudio. Aber bald wird er sie emporheben, werden beide zur Harmonie sich wieder finden. Vom Startfieber durch eine Intrige zum Fliegen: „Viel Lärm um nichts.“ Da fehlt eigentlich ein Fragezeichen.
Denn Shakespeares Komödien sind alles andere als Leichtgewichte. Sie sind verwickelt, ihr Hintersinn ist ohne Dialogkunst nicht auszuschöpfen. So charakteristisch der Tanz zu erzählen vermag, hier stößt er an Grenzen. Auch profilierte Choreographie bringt dem Zuschauer nur den halben Gewinn ohne Kenntnis des Stücks. Insofern hat Paul Julius, früher Tänzer in Schwerin und nun international bis New York als Choreograph erfolgreich, Mut bewiesen, „Viel Lärm um nichts“ durch Tanz zu gestalten. Er konzentriert sich auf die Spuren von Hero und Claudio, akzentuiert die Rolle der Kammerfrau Margarethe, kann den Streit von Beatrice und Benedikt sowie die Komikhandlung von Holzapfel und Schlehwein nur andeuten. Aber diese Reduktion erhellt die dunkle Botschaft der Komödie: Auf Gefühle ist kein Verlass – Liebe ist rebellisch.
Choreographisch hat Julius nicht nur Mut , sondern sein Können bewiesen. Wie in der Musik des lettischen Komponisten Peteris Vasks Tonalität und Atonalität kollidieren, wechseln bei Julius expressionistische Attacke und quasi neoklassische Ästhetik mit starkem Reiz.
Stupar als Schwärmende wie als Gepeinigte, Savrasov als Zerstörter wie als Reumütiger, sie zeigen hochtemperierte Körperbilder der Innigkeit und des Außersichgeratens. Als Margarethe offenbart Barbara Melo Freire prickelnde Sinnlichkeit. Tänzerischer Witz hüpft in der Beziehung von Beatrice und Benedikt, wo Annelies Waller solistische Qualität zeigt und Maxim Perju seine explosive Energie.
In der Synthese von klassischer Linie und Modern Dance illustrieren die Gruppen mit sportlichem molto vivace die Stimmungen. Sie zeigen das Ensemble, schick kostümiert von Bettina Lauer, in guter Form. Auch Ullrich Altermanns spartanische Bühne erzählt etwas: Auf einer Bühne ohne Gitter träumt Hero im Prolog absturzbedroht, liebt Margarethe gefährlich. Julius’ Schock-Epilog dagegen verstört mehr als er sinnvoll ist.
Es ist gleichsam eine Tanznovelle, in der auch ohne Worte Nachdenkliches zu lesen ist über wilde Gefühle. Von nichts kann keine Rede sein.
von Manfred Zelt
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