| Balanceakt mit glücklichem Ausgang SCHWERIN. Immer wieder Shakespeare. Nachdem am Schweriner Staatstheater schon „Der Sturm“ sowie die Opern- und Ballettfassungen von „Romeo und Julia“ auf dem Spielplan stehen, gibt es jetzt auch noch „Viel Lärm um nichts“ uraufgeführt in einer Choreographie von Paul Julius am Donnerstagabend im E-Werk. Macht so viel Shakespeare heute noch Sinn?
Los geht es mit einem Balanceakt. Ist jede Liebe doch schließlich ein solcher. Hero tanzt allein am Abgrund, blickt von der Brücke, welche die Rückwand des reduzierten Bühnenbildes in zwei Ebenen teilt. In ihrer Jugend und Leichtigkeit spürt sie für einen kurzen Moment die Schwerkraft des eigenen Körpers, um sich danach nur umso weiter den Sternen entgegenzustrecken. Eine unvorsichtige Bewegung, und aus der Komödie wird eine Tragödie.
Choreograf Paul Julius, der von 2000 bis 2006 selbst Solist am Staatstheater war, hat dem Stück den Staub der Jahrhunderte aus den Kulissen geblasen und mit der märchenhaften Musik des lettischen Komponisten Peteris Vasks (geboren 1946) einen einstündigen Ballettabend daraus gemacht. Ebenfalls ein Balanceakt mit glücklichem Ausgang, wenn auch nicht jeder Schritt sitzt und sich manchmal der Blick in den Abgrund auftut. Mit Hörnerklängen kehrt Claudio siegreich zurück von der Schlacht. Rustam Savrasov gibt den Helden ausdrucksstark und geschmeidig und ist so im doppelten Sinn der Gewinner des Abends. Er stürzt sich ins Ballgetümmel und umgarnt wenig später seine Angebetete Hero (Jelena-Ana Stupar). Wie Lamellen öffnen sich die Seitenwände der minimalistischen Bühne (Ullrich Altermann) und einem munteren Gasgemisch gleich entströmen die Ballgäste den Kulissen, um sich wie Atome im Takt eines mittelalterlichen Menuetts zu drehen.
Während die Damen in natürlichen Orangetönen einen schönen Komplementärkontrast zur überwiegend in Blau getauchten Rückwand bilden, versprühen die glänzenden Hosen der Herren eher Turnhallen-Charme (Kostüme Bettina Lauer). Überhaupt mutet manches sehr sportlich an, weil Paul Julius seinem jungen Ensemble – beim Stockkampf etwa – die Chance geben will, alles zu zeigen.
Schön hingegen die Schlüsselszene, in welcher der böse Don John (Simon Herm)dem eifersüchtigen Claudio am Balkon vormacht, seine Hero empfange einen anderen. Vor der weißen Bühnenleinwand hebt sich der Akt der Verführung wie ein Schattenspiel ab. Barbara Melo Freire als Margarethe umcirct geschmeidig Borachio (David Ziegler) und wird vom erschütterten Claudio für Hero gehalten. Das Drama nimmt seinen Lauf. Höhepunkt aber ist die wütende Hochzeitsszene. Claudio wirft seiner Geliebten vor dem Traualtar Untreue vor, stößt sie zu Boden und wälzt sich mit ihr übers Parkett. Unbändige Verzweiflung drückt sich in dem Tanz der Liebenden ebenso aus wie das heftige Ringen um einander.
Die klare Choreografie konzentriert auf wunderbare Weise die Achterbahnfahrt der Gefühle, für die Shakespeare so viele Worte braucht. Die Adaption des häufig gespielten Klassikers macht auch einmal mehr Sinn. Das Mit- und Gegeneinander der Geschlechter ist nirgendwo so physisch zu erfahren wie beim Ballett. Am Ende heiraten Claudio und Hero doch. Mit dem Schlussbild der am Boden liegenden Hero aber deutet der Regisseur an, dass es auch in der Liebe oft nur ein Wimpernschlag ist, der ein gutes von einem tragischen Ende trennt.
von WELF GROMBACHER
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