| Ibsens „Wildente“ ohne Sentimentalität Schwerin - Hedvig, 14 Jahre alt, erschießt sich. Grund dafür ist der für das Mädchen unauflösbare Konflikt zwischen der Liebe zum Vater und der Liebe zu einer Wildente. Ein Drama mit Herz und Schmerz wie im Trivialroman? Keine Spur davon in Peter Dehlers Inszenierung des Schauspiels "Die Wildente" von Henrik Ibsen im Großen Haus des Schweriner Staatstheaters. Sentimentalität ist in der vom Premierenpublikum gefeierten Aufführung ein Fremdwort. Dehler interpretiert die Textfassung von Peter Zadek und Gottfried Greifenhagen in einer fein ausbalancierten Mischung aus Tragik und Komik - und verirrt sich nur kurz mal in Gefilde, wo die Komödie der Lebenslügen in eine Posse umkippt und die Personen zu Witzfguren degenerieren. Sonst aber dürfen die Schauspieler auf der weiten Bühne mit ihrem an tiefblaue Fjordlandschaften gemahnenden Prospekt (Stephan Fernau) die Brüchigkeit groß- und kleinbürgerlicher Existenz eindringlich ausloten. In der Rolle des Hjalmar überspielt David Emig virtuos die Abgründe eines gescheiterten Lebens. Ein Clown der Lebenslügen, der es sich bequem eingerichtet hat in der Misere seines Daseins, während seine Frau Gina (nachsichtig ironisch: Katrin Huke) für das Überleben der Familie sorgt, seine Tochter Hedvig (sehr berührend: Anna Schumacher) ihn anhimmelt und sein Vater (der große Schauspieler Horst Rehberg) längst in die Skurrilität einer selbst erfundenen Welt abgetaucht ist. Ein Traumtänzer ganz anderer Art ist Gregers Werle, den Hagen Ritschel zwischen Intellektualität und Verblendung überzeugend verkörpert. Ein Wahrheitsfanatiker, der die Leichen im Keller hervorzerrt, eine Familie zerstört und dabei auch nicht vom wunderbar ätzenden Spott des Arztes Relling (Markus Wünsch) zu bremsen ist.
von Hermann Hofer
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