| Spiel von Sinn und Schmerz der Lebenslügen Schwerin (OZ) Eine runde Sache ist diese Inszenierung des Schauspiels „Die Wildente“ von Henrik Ibsen (1828 – 1906), die am Wochenende im Großen Haus des Schweriner Theaters Premiere feierte. Ein Stück des 19. Jahrhunderts gewiss, mit entsprechend alten Fragen nach der Lebenslüge (Ibsen hat den Begriff höchstwahrscheinlich sogar erfunden). Doch mit einer deutlichen und doch behutsamen Verschiebung der Perspektive macht Regisseur Peter Dehler daraus einen interessanten und modernen Abend. Dass die alten Fragen nach bürgerlichen Lebenslügen so veraltet nicht sind, zeigt die neuerdings durch die Möglichkeit des Gentests wieder entfachte Diskussion um „Kuckuckskinder“, deren Väter oft jahrelang geglaubt haben, es seien ihre leiblichen Kinder.
In Ibsens Stück erweist sich das Mädchen Hedvig Ekdal als ein solches „Kuckuckskind“, und ihrem Vater Hjalmar, dem sie bis zu jenem Augenblick der bitteren Wahrheit das Liebste war, fällt plötzlich nichts Besseres ein, als sie zu verstoßen. Was also ist dann Liebe? Und welchen Sinn hat Wahrheit, welchen Moral?
Der unvoreingenommene Blick, mit dem das durchweg stark agierende Schweriner Ensemble Ibsens Figuren auf die Bühne stellt, ermöglicht besagte Perspektiv-Verschiebung. Sie betrifft den Wechsel von Ibsens radikalem Vorwurf der Doppelmoral (der ja noch an Moral glaubt und diese nur wegen der Verstöße untergehen sieht) hin zur Diagnose einer ganz und gar falschen Moral.
In diesem engmaschigen Netz der verkehrten Moral zappeln alle Gestalten wie Gefangene, sind darin verwickelt und verstrickt, um letztlich zu scheitern. Deutlich wird mit dieser Verschiebung zugleich, dass Ibsens Moralkritik die Figuren in einen Strudel falscher Alternativen reißt: Hier wird Wahrheit durch den aufdringlichen Gebrauch des frustrierten und besessenen Gregers Werle (Hagen Ritschel), der es als seine Aufgabe ansieht, seinem Jugendfreund Hjalmar die Augen zu öffnen, zum „Aufklärungsfieber“. Und der versoffene Arzt Relling (ist es Zynismus oder resignierende Lebensklugheit?) setzt dem als Medizin die Stärkung der Lebenslüge entgegen. Gespielt wird überwiegend mit Mitteln der Komödie oder Groteske, erst am Ende bricht sich mit dem lange angekündigten Unheil von Hedvigs Tod Tragisches mit lautem Pathos Bahn. Zuvor aber eine köstliche Studie über biederes Familienleben: Tochter Hedvig (Anna Schumacher) ist ein erfrischend naives Kind voller (falscher) Hoffnungen, als ihre Mutter Gina schwebt Katrin Huke mit esoterischer Anmut auf gestrickten Pantoffeln durchs Leben und führt neben dem kärglichen Haushalt auch das Foto-Geschäft des Ehemannes. Der freilich, Hjalmar Ekdal, großartig gespielt von David Emig, ist eine toll-verrückte Existenz: In der Öffentlichkeit gedemütigt, zu Hause angeberischer Familienvater, lebt er seinem Tick, einmal irgendwas ganz Großes zu erfinden. Hervorragend sind die Momente seiner Handlungs- bzw. Entscheidungsunfähigkeit herausgestellt, doch mit Nichtstun, worin dieser Hjalmar auch mit aufgekrempelten Ärmeln ein Meister ist, lässt sich eben nicht jede Zwangslage überstehen.
von DIETRICH PÄTZOLD
alle
Pressestimmen
|