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    Die Wildente

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 02. Juni 2008
    Mehr Infos zu: Die Wildente



    Schrotkugeln des Schicksals

    Wie ein Geist erscheint der alte Ekdal (Horst Rehberg) als riesiges, bleiches Videogesicht auf dem Vorhang, bevor er selbst die Bühne betritt. Damit ist die Urlüge im Spiel. Sie war vor Jahren der Beginn all der Vertuschungen, Betrügereien, Lügen und Selbsttäuschungen, in die die Figuren des Stücks tragisch verstrickt sind und die schließlich zur Katastrophe führen.

    Der Vergleich ist nicht zu weit hergeholt. Denn unter der Oberfläche einer realistischen Familiengeschichte spielt Henkrik Ibsen mit Motiven der griechischen Tragödie. Wenn Gregers sich etwa als Jagdhund beschreibt, der Hjalmar wie eine mit Schrotkugeln angeschossene Wildente vom Grunde des Meeres heraufholen will, werden zugleich die furchtbaren Furien des antiken Dramas heraufbeschworen. Sie trugen Hundemasken.

    Wie nun gelingt es Peter Dehler, diese verborgenen Schichten des Ibsen-Textes freizulegen und die banalen Alltagsgeschäfte mit den moralischen Fragen um die Lüge als Lebensmittel und Schmierstoff für Glück und Zufriedenheit zu konfrontieren?

    Zuallererst steht dem Regisseur ein durchweg hervorragendes Darstellerensemble zur Verfügung, das den lebensprallen Charakteren des Menschenmalers Ibsen eine wahrhaftige theatralische Figur zu geben vermag. Zum anderen scheint durch eine Fülle spielerischer, szenischer Erfindungen, Laute, Bewegungen, Aus-der-Rolle-Fallen, immer wieder Ibsens anspielungsreicher Subtext durch.

    Nach der Premiere wurde im begeisterten Publikum auch diskutiert, ob die Videogesichter der Akteure entbehrlich gewesen wären. Sie können als Zitat für das Fotoatelier, in dem die Handlung spielt, gelesen werden und eröffnen zugleich, im Zusammenspiel mit der betörenden Klaviermusik von Chris Jarrett über das Bühnengeschehen hinausgehende Assozia tionsräume.

    Keine Einwände also? Doch. Die großen Video-Augen der Hedwig am Schluss hinterließen einen arg moralisierenden Eindruck. Und: Schön, Markus Wünsch in der Rolle des Dr. Relling von Beckettschem Format mal nicht in Lack und Leder sehen zu müssen.

    von Holger Kankel

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