Wadenbiss
"Die Möwe" in SchwerinWas ist wichtig? Vielleicht, dass der Mensch rechtzeitig erahnt, was mit ihm – und unverwechselbar nur mit ihm! – gemeint sei. Dass er erfühlt, welcher Traum in ihm die Kraft hat, erfüllt zu werden. Dass er erfährt, auf welche Weise er in Einklang mit sich selbst sein könnte. Wem diese Ahnung, dieses Gefühl, diese Erfahrung versagt bleiben – wie soll der gern und bereitwillig leben?
Kostja weiß, was mit ihm gemeint ist: Er wird Schriftsteller, und er ist ganz anders als dieser glatte Erfolgsidiot Trigorin, ebenfalls Autor – und Geliebter seiner Mutter Arkadina. Auch die weiß, was mit ihr gemeint ist: Sie ist die beste Schauspielerin weit und breit! Und auch die junge Nina weiß, was mit ihr gemeint ist: Sie wird ebenfalls Schauspielerin, auch sie liebt Trigorin. Alles bestens? Nina landet nach einer Affäre mit Trigorin in der Schmiere, Kostjas Mutter ist eine biedere Prahlerin, und Kostja erschießt sich. Das nennt man einen Komödienschluss.
Zwischendurch: Ein Gutsverwalter brüllt. Ein Arzt kommentiert. Eine Magd besäuft sich. Ein Beamter verdämmert im Rollstuhl. Ein Lehrer verabschiedet sich pausenlos, nur damit einer sagen möge: Bleib! Niemand sagt’s. – Kostja hatte gemeinsam mit Nina sein neues Stück aufgeführt – und wird von seiner Mutter, die keinen Beifall mag, der nicht ihr selber gilt, gnadenlos beleidigt. Das ist der Beginn jener fürchterlichen Beiläufigkeit, mit der falsche Liebesschwüre und unerwiderte Zuneigungen, Beschwichtigungen und Bezichtigungen ineinander greifen.
Peter Dehler hat am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, im Bühnenbild von Olaf Grambow, »Die Möwe« von Anton Tschechow inszeniert. Als Kampf zwischen trostlos scheiternden Utopisten der Kunst und noch trostloseren, aber immer triumphierenden Routiniers des Lebens. Weil es ein Ewigkeitskampf ist, bleibt Dehler erstaunlich und bezwingend ruhig, unpolemisch; als wisse er, dass auffällig-angestrengte Kunstarbeit das denkbar gefährlichste Attentat auf Tschechows Unauffälligkeitskunst wäre.
Sie trage Schwarz, sagt die unglückliche Mascha (Nadja Robiné) – aus Trauer um ihr Leben. Aber sie trägt Braun! Die klug zurückhaltende Aufführung lässt den Menschen ihre Lügen, will ihnen das Lebensgeländer nicht wegreißen. So ist Theater, das sich auskennt. Das versteht.
Kostja auf Suche nach neuen Formen für die Kunst. Mit dem debilen Knecht Jakow (Stephan Möller-Titel) kullert er anfangs auf die Bühne; jeder in einem Fass. Das wird jetzt aufgemacht! Trommelstöcke wummern. Eine Wellblechwand fällt nieder. Unter weißem, wallendem Tuch wird eine Art Scheune hereingerollt. Die Bühne auf der Bühne. Ninas grelle, gespreizte Deklamation: Am unsäglichsten ist immer das Auftrumpfen der Unschuld! Das »neue Stück« ist überhaupt eine Zumutung. Die Arkadina lacht und spottet für (uns) alle. Dieser Kostja nervt. Er wird sich die Asche seines verbrannten Manuskripts ins Gesicht schmieren. Er ist sehr klein, das gibt im napoleonische Aggressivität – eine vermeintliche Rettung aus leidender Gehemmtheit. Michael von Burg: der Kunsthöhenflieger als aufdrehender, die eigene »Kunstkacke« verachtender Lebensdilettant. Der dem verhassten Trigorin hinterher kriecht, ihm die Schuhe küsst – bevor er zum Wadenbeißer wird. Später trägt Kostja, im Meer aus zerknüllten Blättern watend, Majakowskis Glatze, kommt dem aber lediglich durch seine selbstgewählte Todesart näher.
Die Nina der Bettina Schneider: gegen alle Möwen-Konvention eine spröd-frische, geradezu eckige Person, die sich trotz früher Verpfuschtheit des Lebens doch nicht in weinerliche Sentimentalität und in die Poesie des Opfers flüchtet – im Gegeneinander von Verwirrtheit und Tapferkeit bleibt sie eine zwar gefährdete, aber offene Existenz. Bestseller-Autor Trigorin: Jakob E. G. Kraze. Blasiert, gelangweilt, eine Art Mischling zwischen Peter Handke und Vladimir Sorokin; in Momenten seiner Demontage mit starker Tendenz zum stieren Hallervorden-Blick. Gegen Ninas Schwarm vom paradiesischen Dichterdasein setzt er eine halbpantomimische Parodie vom hirnlosen, fremdgesteuerten, plärrenden Schreibautomaten.
Wenn man von der Kamera absieht, mit der Jakow vom Scheunendach herunterfilmt, und den Videotraumsequenzen auf der Bühnenrückwand: Vordergründig »zeitgenössisch« ist die Aufführung wahrlich nicht – was derzeit, da sich jeder schwitzend bemüht, im Auge des Zeitgeistes zu agieren, kein Nachteil sein muss. Dass die Langeweile nicht bloß die hagere Schwester der Kurzweil ist, sondern ein Tod zu Lebzeiten, der tapfer auszuhalten sei? Auch keine unnütze Auskunft.
»Schön ist nur, was ernst ist«, sagt Doktor Dorn, und Hermann Beyer lächelt. Er lächelt öfters. In Beyer, dem gefassten Melancholiker, hat die Regie ihr eigentliches Zuschau-Gesicht gefunden. Kein himmlischer Überschwang. Kein höllischer Untergrund. Kein Zynismus. Harte, harsche Töne – wozu? Nur wenn Dorn den Blicken der Verwalter-Frau begegnet, wenn eine gespielt zufällige Berührung der Hände geschieht, brennt für Nanosekunden eine Lunte zwischen zwei Menschen. Beyer und Ute Kämper erzählen mit Winzigkeiten eine berührende Wahrheit: dass eine bloß heimliche Liebe mehr sein kann als alles Verwirklichte.
Alle in diesem Stück – das vor dem Prospekt eines Birkenwaldes von Lewitan spielt – tun das Gegenteil dessen, wonach sich ihr Ich gesehnt hat. Sie tun es mit dem Gleichmut von Leuten, die Dehlers Auftrag erfüllen: ein Sillleben zu bevölkern. Am Ende, wie gesagt, fällt ein Schuss. Plopp, sagt die Aufführung. Jakow rollt das Fass herein, das nun wohl nichts nichts zum Überlaufen bringen wird. Kostjas Hand ragt heraus. Die Arkadina der Brigitte Peters (tritt sie in Theatern auf oder steht sie hinter einem Büroschalter?) tritt gesichtsleer heran. Die Mutter in ihr begreift nicht. Die Schauspielerin in ihr hat schnell begriffen: Doch keine Komödie!
Jubel. Die Nina ist im Applaus die Glücklichste. Schönes Schlussbild nach dem Schuss.
Von Hans-Dieter Schütt
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