| Zu viel aufs echte Pferd gesetzt Harmlos Das Psycho- Drama "Einer flog übers Kuckucksnest" bleibt in Schwerin trotz des Stargastes Gojko Mitic schlicht und vorhersehbar. Seit dem Film von Milos Forman ist "Einer flog übers Kuckucksnest" nach dem Roman von Ken Kesey ein Begriff, und zwar für das überaus nachvollziehbare Fühlen und Denken von Verrückten, während Psychiatrie-Anstalten die absolute Macht der Gesellschaft darstellen, diese Irren wegzusperren und gnadenlos mit Medikamenten und Elektroschocks kaltzustellen. Es hat sich zwar einiges verbessert, sowohl die Arbeit in den Psychiatrien als auch deren Image, aber mit dem Gedanken, dass wir doch alle ein bisschen eigen sind und die Gesellschaft uns allzu viel Anpassung zumutet, lässt sich Gutes immer noch viel einfacher vom Bösen scheiden. So lieferte auch die Inszenierung des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin bei der Premiere am Wochenende einen Unterhaltungsabend mit klarer Rollenverteilung. Die Krankenschwester ist so gemein wie die Gangster aus "Aktenzeichen XY", die Musik treffsicher aus dem Katalog der düsteren Stimmungen ausgewählt, und als Stargast durfte Gojko Mitic, bewährter Indianer aus DDR-Zeiten, gekonnt den Kopf hängen lassen und am Ende stolz ein leibhaftiges Pferd und sich selbst in die Freiheit führen. So wie Regisseur Matthias Gehrt die Geschichte in Szene setzt, ist sie schnell erzählt. Ein Haudegen lässt sich in die Psychiatrie einweisen, um aus dem Knast rauszukommen, und mischt Pflegepersonal und Patienten derart auf, dass zwar der stumme Indianer plötzlich wieder zu reden beginnt, der Störenfried aber zwangsoperiert und denkunfähig gemacht wird. Die Patienten sind natürlich sympathisch mit ihrem Stottern, Starren, steifen Schlurfen, während der Oberarzt unbeteiligt, die Oberschwester machtgeil und der Oberpfleger brutal daherkommen. Die Absicht, dem Publikum latent Wahnsinniges, Unwägbares und Abgründiges zu ersparen, war offensichtlich. Für die Schauspieler war es je nach Figur eine attraktive Aufgabe. Vor allem Thorsten Merten als getriebener und triebhafter Aufrührer konnte mitreißend auf die Pauke hauen. Seine Gegenspielerin Anja Werner hatte dagegen die immergleiche Attitüde der weißbekittelten Aufseherin abzugeben, weshalb ihre Macht weniger perfide als eben sehr schlicht inszeniert wirkte. Für Gojko Mitic war die Darstellung des wilden Edlen naturgemäß kein Problem. Die Botschaft dieser harmlosen Aufführung kam durchaus an: Kranke und Schwache verdienen unser Mitgefühl und unsere Solidarität. Für herzhafte Gefühlsaufwallungen, wie sie das filmische Vorbild liefert, reichte es allerdings nicht. Dazu war der Aktionsradius zu überschaubar, und die Dialoge blieben mit Tonfall gesprochene Texte. Bei einem Film hätten gekonnter Schnitt und hautnaher Kamerazoom diesen Mangel wettgemacht. Hier setzte man auf das Pferd, um ein wenig für Aufregung zu sorgen. Es stand bei einigen Szenen im hinteren Bühnenbereich, schabte nervös mit den Vorderhufen und erleichterte sich noch vor der Partyszene. Mitgefühl regte sich auch (oder vor allem) für den Vierbeiner. Von Philip Rössner
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