| Hautnah und unter die Haut Schweriner Premiere: "Einer flog übers Kuckucksnest" von Dale Wasserman Schwerins Schauspiel mit einem Kultstoff: "Einer flog übers
Kuckucksnest". Gojko Mitic und Thorsten Merten spielen Hauptrollen in der Inszenierung
von Matthias Gehrt. Langer Bravo-Beifall bei der Premiere am Freitag, die überregionales Interesse fand.
Das Proszenium ist weitergebaut zu einem klassischen Raum. Auch roter
Plüsch spielt mit. Davor aber und dahinter hohe rohe Gitter. Statt an
eine vornehme Heilanstalt lassen sie unwillkürlich an eine Unheilstation
à la Guantánamo denken. Die Bühne von Elissa Bier ortet gediegenen
Schein und elendes Sein.
Menschliche Deformation In diesem Käfig hat Regisseur Matthias Gehrt ein
Spektrum menschlicher Deformation inszeniert: detailliert, expressiv,
bissig. In einer gespannten Atmosphäre aus Turbulenz und lastender Ruhe.
Ein Zusammenprall von ungezügelter und zerstörter Individualität auf der
Abseite der Erfolgsgesellschaft. Dazu Gitarrensehnsucht, Rockklang,
Wildgänseschrei.
Der Gewalttäter McMurphy hat sich verrückt gestellt, um dem Straflager
zu entkommen, er wird in den medizinisch verbrämten Vollzug
eingeliefert. Er stiftet Aufruhr gegen den inhumanen Abschalte- und
Schockbetrieb. Er wird zum Opfer.
Es ist der Stoff eines Kultbuchs der 60er Jahre: Ken Keseys Roman
"Einer flog übers Kuckucksnest". Eine Geschichte aus der
amerikanischen Gegenkultur, die Dale Wasserman für die Bühne gefasst
hat. Ein radikales Stück, in dem die Kritik der Zustände mit
sozialromantischer Weltsicht verschmilzt. Häuptling Bromden fragt: "Wie
kann man die Art, wie ein Mensch lebt, mit Geld bezahlen?"
Mit realistischen Szenen, zeichenhaften Bildern, mit quasi
naturalistischen Figuren zeigt Gehrt die Psychiatrie als Metapher für
Mechanismen, mit denen die "Kaninchen“ gefügig gemacht werden in der
"Wolfswelt". Bromden denkt: "Wenn sie einen Schalter drücken,
schalten sie uns ein oder aus."
McMurphys Widerstand aber schaltet Bromdens Freiheitsdrang wieder
ein. Und der Häuptling erlöst den operativ eliminierten Rebellen aus
seinem Elend durch Ersticken und hebt die Gitter des Kuckucksnestes: Und
wie stets, wenn seine Gedanken laut kreisen, steht hinten sein Pferd
bereit für die Indianerspur. Die Kaninchen jedoch, die ebenso davon
ziehen könnten, schauen nur verstört, sie bleiben. Mit diesem Schluss
wird noch einmal die Erzählphantasie deutlich, mit der die Regie unter
die Oberfläche des Stücks kommt.
Der Häuptling von Gojko Mitic erscheint und schwindet geisterhaft.
Äußerlich apathisch, ist er ein Mahner, wenn seine innere Stimme
spricht. Ein Entwurzelter, in dem dennoch Urwüchsigkeit glimmt. Mitic
zeigt Erschütterung, Leiden, wieder erwachenden Mut. Eine Symbolgestalt,
die Humanität behauptet.
In Thorsten Mertens McMurphy brüstet sich die Mentalität eines
Cowboyhelden großspurig und aggressiv. Da grinst und posaunt die
Hemmungslosigkeit. Und doch ist da auch, wenn er erfährt, dass er sich
verrechnet hat, das Erschrecken, da entgleist seine Siegermiene. Ein
Chaot, in dem Mertens Ausdrucksvermögen glänzend wuchert.
Klinische Genauigkeit Die Strenge der Schwester Ratched hat nur selten
Kommandoton. Anja Werner, gestrafft in der Diensthaltung, spielt sie
hinterhältiger: Ihre als Sorge getarnte Tyrannei ist meist leise und
lächelt. Markus Wünsch, Johann Zürner, Stéphane Maeder, Jörg Zirnstein und Hagen
Ritschel mit beklemmenden Patienten-Studien. Sie sind von klinischer
Genauigkeit. Aber da ist kein Käfig voller Narren, es ist bravourös
gestaltete Abnormität. Auch Gottfried Richters Doc hat einen Schimmer
von Neurose.
Grelle Lichter auf makaberes, Geschehen an düsterem Ort. Der gern
geübte Vergleich mit dem Buch oder dem Film ist müßig. Und es ist
auch keine Mitic-Indianer-Show. Hier ist hautnahes Theater, das unter
die Haut geht.
Manfred Zelt
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