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    Einer flog über das Kuckucksnest

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 02. April 2007
    Mehr Infos zu: Einer flog über das Kuckucksnest



    Hautnah und unter die Haut

    Schweriner Premiere: "Einer flog übers Kuckucksnest" von Dale Wasserman
    Schwerins Schauspiel mit einem Kultstoff: "Einer flog übers Kuckucksnest". Gojko Mitic und Thorsten Merten spielen Hauptrollen in der Inszenierung von Matthias Gehrt. Langer Bravo-Beifall bei der Premiere am Freitag, die überregionales Interesse fand.

    Das Proszenium ist weitergebaut zu einem klassischen Raum. Auch roter Plüsch spielt mit. Davor aber und dahinter hohe rohe Gitter. Statt an eine vornehme Heilanstalt lassen sie unwillkürlich an eine Unheilstation à la Guantánamo denken. Die Bühne von Elissa Bier ortet gediegenen Schein und elendes Sein.

    Menschliche Deformation

    In diesem Käfig hat Regisseur Matthias Gehrt ein Spektrum menschlicher Deformation inszeniert: detailliert, expressiv, bissig. In einer gespannten Atmosphäre aus Turbulenz und lastender Ruhe. Ein Zusammenprall von ungezügelter und zerstörter Individualität auf der Abseite der Erfolgsgesellschaft. Dazu Gitarrensehnsucht, Rockklang, Wildgänseschrei.
    Der Gewalttäter McMurphy hat sich verrückt gestellt, um dem Straflager zu entkommen, er wird in den medizinisch verbrämten Vollzug eingeliefert. Er stiftet Aufruhr gegen den inhumanen Abschalte- und Schockbetrieb. Er wird zum Opfer.
    Es ist der Stoff eines Kultbuchs der 60er Jahre: Ken Keseys Roman "Einer flog übers Kuckucksnest". Eine Geschichte aus der amerikanischen Gegenkultur, die Dale Wasserman für die Bühne gefasst hat. Ein radikales Stück, in dem die Kritik der Zustände mit sozialromantischer Weltsicht verschmilzt. Häuptling Bromden fragt: "Wie kann man die Art, wie ein Mensch lebt, mit Geld bezahlen?" Mit realistischen Szenen, zeichenhaften Bildern, mit quasi naturalistischen Figuren zeigt Gehrt die Psychiatrie als Metapher für Mechanismen, mit denen die "Kaninchen“ gefügig gemacht werden in der "Wolfswelt". Bromden denkt: "Wenn sie einen Schalter drücken, schalten sie uns ein oder aus."
    McMurphys Widerstand aber schaltet Bromdens Freiheitsdrang wieder ein. Und der Häuptling erlöst den operativ eliminierten Rebellen aus seinem Elend durch Ersticken und hebt die Gitter des Kuckucksnestes: Und wie stets, wenn seine Gedanken laut kreisen, steht hinten sein Pferd bereit für die Indianerspur. Die Kaninchen jedoch, die ebenso davon ziehen könnten, schauen nur verstört, sie bleiben. Mit diesem Schluss wird noch einmal die Erzählphantasie deutlich, mit der die Regie unter die Oberfläche des Stücks kommt.
    Der Häuptling von Gojko Mitic erscheint und schwindet geisterhaft. Äußerlich apathisch, ist er ein Mahner, wenn seine innere Stimme spricht. Ein Entwurzelter, in dem dennoch Urwüchsigkeit glimmt. Mitic zeigt Erschütterung, Leiden, wieder erwachenden Mut. Eine Symbolgestalt, die Humanität behauptet.
    In Thorsten Mertens McMurphy brüstet sich die Mentalität eines Cowboyhelden großspurig und aggressiv. Da grinst und posaunt die Hemmungslosigkeit. Und doch ist da auch, wenn er erfährt, dass er sich verrechnet hat, das Erschrecken, da entgleist seine Siegermiene. Ein Chaot, in dem Mertens Ausdrucksvermögen glänzend wuchert.

    Klinische Genauigkeit

    Die Strenge der Schwester Ratched hat nur selten Kommandoton. Anja Werner, gestrafft in der Diensthaltung, spielt sie hinterhältiger: Ihre als Sorge getarnte Tyrannei ist meist leise und lächelt.
    Markus Wünsch, Johann Zürner, Stéphane Maeder, Jörg Zirnstein und Hagen Ritschel mit beklemmenden Patienten-Studien. Sie sind von klinischer Genauigkeit. Aber da ist kein Käfig voller Narren, es ist bravourös gestaltete Abnormität. Auch Gottfried Richters Doc hat einen Schimmer von Neurose.
    Grelle Lichter auf makaberes, Geschehen an düsterem Ort. Der gern geübte Vergleich mit dem Buch oder dem Film ist müßig. Und es ist auch keine Mitic-Indianer-Show. Hier ist hautnahes Theater, das unter die Haut geht.

    Manfred Zelt

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