| Stiller, starker Häuptling Bromden Film-Indianer Gojko Mitic hat in dem Stück "Einer flog über das Kuckucksnest" in Schwerin ein umjubeltes Debüt auf der Theaterbühne gefeiert.
Hinter den Absperrgittern der Irrenanstalt leuchtet ein nächtliches Blau. Es scheint so, als komme es von weit her. Von den fernen Prärien, von den entlegenen Bergen. Fehlt nur noch ein Mustang, dann könnte der Häuptling ins Indianerland reiten, dorthin, wo sein Volk einst glücklich war. Das Theater zaubert das Pferd leibhaftig und lebendig auf seine große Bühne. Schwarz bewegt es sich vor der Bläue. Ein Sehnsuchtsbild.
Die Sehnsüchte werden nicht erfüllt. Winnetou, der hier Bromden heißt, reitet nicht mehr. Am Ende geht er, den Gaul am Zügel führend, müden Schritts in die Freiheit. Immerhin in die Freiheit, während die Leidensgenossen in der Unfreiheit der Psychiatrie zurückbleiben. Man erlebt eben keine Märchenstunde mit Happy End im Mecklenburgischen Staatstheater. Angesagt ist das Gegenteil: "Einer flog über das Kuckucksnest", eine Geschichte, die 1962 als Roman von Ken Kesey herauskam, 1970 von Dale Wasserman für den Broadway dramatisiert und 1975 von Milos Forman mit Jack Nicholson grandios verfilmt wurde.
Ein Kultstück, ein Kultfilm, ein Kultschauspieler. Eine Kultfigur ist auch jetzt in Matthias Gehrts Schweriner Inszenierung dabei. Gojko Mitic, Held in unzähligen Defa-Indianerfilmen und 15 Jahre lang Star der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg, spielt die Rolle des Häuptlings Bromden. Und er spielt sie ohne Pathos und Pose, still und leise, aber mit unglaublicher Intensität. Eingehüllt in einen langen Mantel bewegt er sich mit Trippelschritten als vermeintlich taubstummer Patient durch den rundum vergitterten Anstalts-Käfig (Bühne: Elissa Bier), der Assoziationen an Guantanamo oder andere Orte des Schreckens weckt. Geronnen in der Gestalt ist das Leid der Gedemütigten, aber auch die niemals ganz zu zerstörende Hoffnung. Ein unheimlich starker Auftritt.
Auf gleicher Augenhöhe agiert Thorsten Merten in der Hauptrolle des Randle McMurphy, der den psychisch Gestörten simuliert, um dem Straflager zu entkommen. Merten zieht alle Register seines ganz besonderen, zwischen wilder Vitalität und verlöschender Melancholie flackernden Könnens. Sein McMurphy mischt die Verhältnisse lustvoll auf und stiftet die Mit-Patienten, die eigentlich Mit-Gefangene sind, an zum letztlich scheiternden Aufstand gegen einen Psychiatrie-Betrieb, der unter dem KZ-ähnlichen Regiment der Schwester Ratched (schön und grausam: Anja Werner) in unmenschlichen Regeln erstarrt ist. Pralle Komödiantik, immer konterkariert durch ein Spiel feinster Regungen, die tief von innen kommen.
Der Parforceritt auf dem schmalen Grat zwischen Trubel und Trauer gelingt auch dem Regisseur, nicht zuletzt wegen eines Ensembles, das Großartiges vollbringt. Jede Figur wird eben nicht nur gespielt, sondern höchst individuell charakterisiert. Verdrehte Menschen, deren Würde hinter skurrilen Macken und schweren Psychosen immer hervorscheint. Von Hermann Hofer
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