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    Einer flog über das Kuckucksnest

    Quelle: Ostsee Zeitung
    vom: 02. April 2007
    Mehr Infos zu: Einer flog über das Kuckucksnest



    Jenseits von Freiheit und Würde

    In Schwerin wurde die Premiere von "Einer flog über das Kuckucksnest" mit Gojko Mitic begeistert gefeiert.

    Das Ganze spielte sich hinter einem riesig hohen Drahtzaun ab (Bühnenbild Elissa Bier), der die Situation des Gefangenseins nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum ansiedelte. Mit begeistertem Applaus feierte das Publikum am Freitagabend im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin die Premiere "Einer flog über das Kuckucksnest" von Dale Wasserman. Gojko Mitic, legendärer DEFA-Indianer und in den vergangenen 15 Jahren auch Winnetou in Bad Segeberg, erwies sich als schizophrener Indianerhäuptling Bromden in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt mit nur wenig Text, aber majestätischer Aura als Zugpferd dieses Projekts. (Ein richtiges Pferd wartete im Bühnenhintergrund geduldig, um ihn am Ende auf dem Weg in die Freiheit zu begleiten.) Und Thorsten Merten, der in Schwerin beliebte und inzwischen auf vielen Bühnen, Leinwänden und Fernsehbildschirmen bekannte Schauspieler, brachte als Kleinkrimineller Randle McMurphy Aufruhr und Lebendigkeit in diese Anstalt und in die Inszenierung von Matthias Gehrt. Beide Protagonisten trugen den Abend und schienen das Ensemble zu Leistungen wie in seinen besten Tagen anzuspornen.

    Die Geschichte kennt man – mit gleichem Titel, aber jeweils ein wenig anders – aus Milos Formans 1975 oscargekröntem Film mit Jack Nicholson oder aus dem zugrunde liegenden Roman von Ken Kesey. McMurphy verstößt permanent gegen die Regeln der psychiatrischen Station, die darauf angelegt sind, die Insassen zu demütigen. Er wird dafür so lange gemaßregelt, bis er nur noch ein willenloses Wesen ist.

    Dass der Ort der Handlung "ein Irrenhaus" sei, wie Dale Harding, der Präsident des Patientenrates (Markus Wünsch), mit sonderbar würdiger Haltung sagt, ist nur die halbe Wahrheit. Denn hier geht es, trotz Psychopharmaka, Gruppensitzung und Elektroschocks, nicht nur um überholte Praktiken der Psychiatrie aus der harten amerikanischen Schule. Vielmehr sind wir eingeladen, nach der Interpretation der Welt als Irrenhaus in der neuen Schweriner Produktion "Kriegen!" im E-Werk nun im Großen Haus das Irrenhaus als Bild unserer Welt zu begreifen.

    Der Stationsarzt (Gottfried Richter) selbst fordert diese Sicht heraus, wenn er erklärt: "Diese Station ist ein Abbild der Gesellschaft im Kleinen." Ein Abbild freilich, in dem die Mechanismen der Machtausübung, des "Überwachens und Strafens", besonders deutlich ausgeprägt sind.

    Als entscheidende Repräsentantin dieser Ordnung tritt Schwester Ratched auf: Anja Werner spielt sie mit immergleicher unnahbarer Fürsorglichkeit, die sich als penetrant-freundliche Maske für den unbedingten Willen zum Erhalt der Ordnung erweist.

    Ihre psychiatrischen Methoden zielen nicht auf Heilung, sondern auf Verfestigung des Leidens ihrer Patienten zum Zweck ihrer leichten Beherrschbarkeit; und in der Auseinandersetzung mit dem psychisch gesunden McMurphy wird sie regelrecht zum Monster, das als Disziplinierungsmittel nach Elektroschocks auch vor Lobothomie, einer Gehirnoperation, nicht zurückschreckt. Dass die Station damit aus einem Gesunden einen Schwerkranken schafft, entspricht der Logik dieser Verhältnisse.

    Eine vielsagende Gesellschaft bilden die Patienten – sympathische Typen mit unterdrückter Lebenslust. Sie haben sich in ihrer Unterdrückung eingerichtet, einer putzt während der Beschäftigungstherapie sogar hingebungsvoll den Zaun, der sie einsperrt. Und am Ende, als der Weg nach draußen geöffnet ist, stehen sie fröstelnd in der Freiheit und kehren dann zurück in ihre Gefangenschaft. Da ist Johann Zürners Billy Bibbit mit Mutterkomplex und Sexualfrust, da ist Stéphane Maeders Cheswick, der sich ängstlich und geduckt an seine Werkzeugkiste klammert, da sind Jörg Zirnsteins Martini und Ruckly. Übrigens, auch das gehört zum Bild dieser Irrenhaus-Gesellschaft: Was Nervosität, Frustration oder sogar Gewaltbereitschaft betrifft, können Vertreter des Klinikpersonals mit den Insassen mithalten – Letzteres vor allem Jakob E.G. Krazes Pfleger Warren.

    DIETRICH PÄTZOLD

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