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    Jesus Christ Superstar

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 13. November 2006
    Mehr Infos zu: Jesus Christ Superstar



    Passion als profane Tragödie

    "Jesus Christ Superstar" von Webber und Rice im Schweriner Theater
    Bibelstoff im Rocker-Ton. Der Welterfolg "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice hatte am Freitag Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater. Zwingende Bilder in der Inszenierung von Peter Dehler. Stürmischer Beifall.

    Der erste Schlag kommt von der Tür des Eisernen Vorhangs, dann reißt ein Gitarrist den heftigen Ton der Tragödie an. Die ersten Worte der Passion aber liest ein kleines Mädchen, das im weiten leeren Raum wie verloren im blauen Nebel sitzt. Die naive Stimme von Stephanie Schneider und ihre großen, fragenden Augen, von der Kamera ins Bild gezoomt, werden in alle Kapitel des Leidenswegs geleiten. Vermummte Gestalten tauchen auf, ein Kreuz aus Metallgittern entsteht, ein Choral erklingt. Härte und Empfindsamkeit vereint Regisseur Peter Dehler für die Rockoper "Jesus Christ Superstar."

    "Warum lässt du dein Projekt so aus dem Ruder gehen?" So Judas' Frage aus einem anderen Leben zurück an den "Super-Propheten". Andrew Lloyd Webber und Tim Rice nähern sich der religiösen Geschichte auf profaner Ebene und brachten damit den Bibelstoff in die moderne Jugendszene - vor 35 Jahren. Herausfordernd sehen sie Jesus mit den Augen von Judas nicht als Gottessohn, sondern als Mensch, der im Aufstieg zum Superstar seine Glaubwürdigkeit gefährdet. Um dessen Idee zu retten und Mythos zu stiften, wählt Jesus-Jünger Judas den Verrat. Verrat eines Sehers in guter Absicht? Das ist keine Frage aus dem theologischen Seminar, aber eine aus dem Leben.

    Dehlers Inszenierung aber predigt nicht. Sie spielt radikal mit Situationen und Emotionen. Auf einer Welt-Allraum-Bühne von Holger Syrbe, die mit den Rüstungen von Rockkonzerten auskommt. Wo die Kostüme von Frauke Menzinger Merkmale für Gruppierungen sind.

    Starke Bilder komponiert

    So wie Webbers Musik mit Chrash-Klang schlägt, mit Melodien streichelt, mit Harmonien reizt, den Rhythmus bricht und wechselt, so komponiert Dehler bezwingende, beklemmende, berührende Bilder und auch entlarvende. Phantastisch die Szene, da Jesus mit Gott Vater um die menschliche Frage des Sterbens ringt und um ihn in Stéphane Maeders Video das Leben zwischen Himmel und Gebirge, Wasser und Wüste als universales Ereignis aufscheint.

    Ein pantheistisches Symbol und einer der seltenen Momente, wo Film dem Theater wirklich hilft, statt es zu verdrängen. Satirisch die Reinigung des Tempels von Börsianern und Callgirls. Ironischer Glamour am dekadenten Hof von Herodes. Bis an die Grenze des Erträglichen geht Jesus' Auspeitschung im Prozess vor Pilatus. Expression und Illustration. Dehler bündelt alle Potenzen des Hauses: Das Ausdrucksvermögen des Schauspiels bis zum Tänzerischen, das Vibrieren des Balletts in der pointierten Choreographie von Rüdiger Daas, den Wohlklang des Chors und die Sound-Flexibilität von Staatskapellmusikern in Kombination mit der Band von John R. Carlson.

    Und wie Thomas Möckel am Pult das alles mit Gespür, Präzision und Charakter zum Klingen, Schauspieler und selbst Tänzer choristisch zum Singen bringt, das wird man in der Provinz nicht oft finden. Doch wo Katrin Huke - die zwiespältige Maria Magdalena - mit wehem und wehendem Ton sich dem Song hingibt, ist sowieso Metropole. Charismatisch der Jesus von Christopher Murray. Von Sanftmut und Beschwörung bis zum Extremschrei in der Stimme, ist er auch als Darsteller ein Expressionist. Hocherhitzt im Klang der Judas von Matthias Pagani; er gibt jenem Wort zerissene Gestalt, nach dem der Verrat geliebt wird, doch nicht der Verräter. Musikalisch wie gestisch prägnant der Pilatus von Markus Wünsch, ein Intellektueller, der zum Zyniker wird. Und was Martin Neuhaus als Petrus, Nils Brück als Kaiphas, Klaus Bieligk als "Rody" hören lassen, gehört zu den Tugenden der Schauspieler als Sänger. Voll erdig, hat Rainer Fleisch als Simon Zelotes wieder ein Rocker-Heimspiel. Es ist keine Bibelstunde. Es ist eine menschliche, weltliche, weltumspannende Tragödie. In einer gewiss umstrittenen Auffassung, doch einer packenden Aufführung.

    Manfred Zelt

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