| Mit den Augen eines Kindes Sehenswerte Inszenierung der Rockoper "Jesus Christ Superstar" am Schweriner Staatstheater
Nicht nur ein erneuertes Outfit mit mehr Bequemlichkeit bietet das Schweriner Staatstheater, sondern seit dem Wochenende auch eine neue Produktion im Großen Haus. Und die ist sehr sehenswert. Denn das Team um Schauspieldirektor Peter Dehler (Regie), Thomas Möckel (musikalische Leitung) und Holger Syrbe (Bühne) gibt "Jesus Christ Superstar" als das, was es nach dem Willen seiner Schöpfer Andrew Lloyd Webber und Tim Rice 1971 war: eine Rockoper mit Betonung auf Rock.
Dass dies auch anders möglich ist, sah man etwa 2001 am Volkstheater Rostock, wo dasselbe Werk in durchaus spannenden und aufmüpfigen Bildern, aber musikalisch im partitur-braven Sound eines philharmonischen Orchesters, aus dem Rockinstrumente nur mühsam herauspiepsten, als eher gemütlich klingendes Musical zu erleben war.
Nun aber in Schwerin als Rock-Event: John R. Carlson und Band, verstärkt durch wenige Streicher und Bläser, liefern den satten Sound und vor allem treibende Dynamik. Die Darsteller singen glänzend. Und wenn ein Sänger wie der Gast Chris Murray in der Titelrolle mit seinem eindrucksvollen Spektrum sensibler Ausdrucksmöglichkeiten in den hohen Lagen ausgiebig die Kopfstimme einsetzt, was bei traditionellen Gesangslehrern vielleicht Sorgenfalten, bei Rockfans aber Entzücken hervorruft, dann zeigt auch dies, mit welcher Leidenschaft da gearbeitet wird. "They've got the feeling!", darf man da in der Muttersprache des Rock ausrufen, zumal das Schweriner Ensemble die ganze Rockoper auf Englisch gibt.
Die Entscheidung für die Originalsprache (die englischen Texte sind vielfach im Internet nachlesbar) mag vor allem eine Entscheidung für den Sound sein; sie befördert darüber hinaus auch eine Konzentration aufs große Ganze, auf einfache und starke Bilder von suggestiver Kraft.
Aber wie erzählt ein bekennender Atheist wie Regisseur Dehler die Pop-Version der Passionsgeschichte des Jesus – noch dazu in einer Zeit, in der die Vergnügungsindustrie und deren Nachplapperer jeden, der einen großen Saal füllen soll, aus Verkaufsgründen als "Superstar" bezeichnen? Dehler lädt uns ein, alles mit den fragenden Augen eines kleinen Mädchens zu sehen, das die Jesus-Geschichte zwischen den Songs häppchenweise vorliest und nicht selten rührende Verwunderung über den ihm fremden Text zeigt. Die Fragen eines lesenden Kindes betreffen wohl Orte und Namen, mehr aber noch die Art, wie dort die Menschen miteinander umgehen.
"Was, wenn Gott einer von uns wäre?" – mit Joan Osbornes Gedicht liefert das Programmheft den Schlüssel zu dem Abend. Zu erleben ist die Geschichte von einem, der – von anderen – zum Superstar gemacht wird, bis es den Mächtigen zu gefährlich wird und sie ihn umbringen. Und es ist die tragische Geschichte von einem, der sich vergeblich gegen diesen Superstar-Status wehrt, schließt der doch die Unterwürfigkeit und freiwillige Unmündigkeit derer ein, die ihn anbeten.
Von Anfang an zeigt Christopher Murray seinen Jesus genervt, mindestens aber bemüht freundlich abweisend gegenüber den Forderungen seiner Anhänger nach Führerschaft in religiösen und politischen Dingen. Zu einem ersten Höhepunkt seines Leidens wird sein eigener unwirscher Ausruf "Heilt euch selbst!" an die Kranken, die ihn massenhaft in abergläubischer Hoffnung auf seine Wunderheilerei bedrängen.
Den Jünger Judas Iskariot gibt Matthias Pagani als Verräter voller Skrupel und als interessantesten Partner im Tragischen. Jesus bleibt bei allem stets ein Reagie-render – auf die Zumutungen der Freunde und die Angriffe der Feinde. Zu ers-teren gehört neben den Jüngern Maria Magdalena (Katrin Huke), die den geliebten Mann mit anrührendem Trostlied vor der harten Realität bewahren möchte.
Auf der anderen Seite das Jerusalemer Priesterquartett unter Kaiphas (Nils Brück mit überraschender Bass-Stimme), die schließlich den römischen Statthalter Pon-tius Pilatus (Markus Wünsch hervorragend in Gesang und differenziertem Spiel) um die Tötung Jesu bitten.
Die Tötung des Superstars wird mit schonungsloser Härte als Vernichtung eines Mitmenschen im Namen der Macht erzählt. Die Aus-peitschung wird erschütternd zelebriert, bei der Kreuzigung endet die Oper. Kein Rock mehr, Jesus spricht seine letzten Worte in die Leere der dunklen Bühne. Ein zarter kammermusikalischer Epilog beschließt den Abend.
DIETRICH PÄTZOLD
alle
Pressestimmen
|