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    Othello

    Quelle: Lübecker Nachrichten
    vom: 27. August 2006
    Mehr Infos zu: Othello



    "Othello" im Regen: Schweriner Ensemble spielte das Wetter an die Wand

    Freilichttheater spät im August? Da braucht man in Deutschland bereits sehr viel Wetterglück. Und genau das blieb dem Mecklenburgischen Staatstheater am Freitagabend in Schwerin verwehrt. Exakt zum Premierenbeginn um 21 Uhr setzte der Regen ein – und bis zum Schluss hörte nicht mehr auf. Zuerst sprühte, dann platschte es. Durchnässte Schauspieler auf gefährlich glitschiger Bühne, klamme Zuschauer unter tropfenden Regenhäuten.
    "Othello"* - ein Fiasko unterm Schweriner Regenhimmel? Keineswegs! Niemand flüchtete aus dem nasskalten Dom-Innenhof ins Trockene, und am Ende prasselte nicht nur der Regen, sondern auch der Applaus. Zu Recht. Denn dieser "Othello" ist spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Nils Brück hat den Shakespeare-Klassiker nicht als bleischweres Trauerspiel inszeniert, sondern mit neugierigem Seitenblick hinüber in ein fremdes Revier: Der Geist der Komödie weht in der Tragödie.
    Fein geschminkt die Gesichter der Darsteller wie in der Commedia die von Colombine und Pierrot, tänzerisch bewegt die Figuren, die irgendwann wie Spukgestalten zum irrlichternden Maskenball zusammentreffen. Augenblicke, in denen die Tragödie der Eifersucht als etwas ganz anderes erscheint: als Fieberphantasie mitten im venezianischen Karneval. Da ist alles erlaubt und alles möglich, und so lädt der Regisseur zu einem Maskentreiben der besonderen Art: Alle männlichen Rollen werden von Schauspielerinnen verkörpert, alle weiblichen Rollen von Schauspielern.
    Das ist aber nicht nur ein vordergründiger Gag, sondern auch ein erhellender Kunstgriff: Aufgebrochen und in Frage gestellt werden damit die traditionellen Geschlechterbilder. Mann ist Mann, Frau ist Frau – Gleichungen, die hier nicht mehr aufgehen. Exemplarisch dafür ist die von Katrin Huke bravourös gespielte Titelfigur. Erst ein Macho in schwarzer Ledermontur und mit punkigem Irokesenhaarschnitt, mutiert Othello zum Eifersüchtigen, der von Weinkrämpfen geschüttelt und von Wahnvorstellungen getrieben wird. Demontage eines Helden, Zusammenbruch des Männlichkeitswahns.
    Packender noch: Judith Raab als Bösewicht Jago, der das Gift der Eifersucht in Othellos Seele injiziert. Erinnernd an die intellektuelle Schärfe und die blitzschnelle Beweglichkeit von Gustav Gründgens´ Mephisto treibt die Schauspielerin Jagos Infamie auf die Spitze. Ein Schurke in roten Stiefeln und langem Faltenrock, der nach dem finalem Showdown mit den vielen Toten die Szene triumphierend beherrscht. Das Böse als Sieger? Gesiegt hat jedenfalls das aufopferungsvoll spielende Ensemble in einer fiesen Regennacht.

    Von Hermann Hofer

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