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    Der Glöckner von Notre Dame

    Quelle: Schweriner Volkszeitung
    vom: 03. Juli 2006
    Mehr Infos zu: Der Glöckner von Notre Dame



    Das Phantom vom Dom

    Premiere für "Der Glöckner von Notre Dame" am Schweriner Theater

    Theaterferien? Die Schaubühne, als im Sommer geschlossene Anstalt betrachtet? Die Zeiten sind vorbei.
    Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin spielt in diesen heißen Tagen wie entfesselt: Zwischen großer Oper ("La Traviata"), Theater für Kinder ("Es war einmal") sowie zwei Klassikern im August (Goldonis "Diener zweier Herren" und Shakespeares "Othello") erlebte am Freitag im Dominnenhof eine Neu- fassung der unsterblichen Geschichte des Glöckners von Notre Dame ihre Premiere - als Musical.

    Von Holger KankelSo wie beim "Faust", im "Vorspiel auf dem Theater", könnte es gewesen sein. Direktor Kümmritz sitzt beim Roten mit seinem Theaterdichter Dehler beisammen, Komponist Carlson kommt hinzu - und schließlich spricht der Chef sein Machtwort: "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Und also reift die Idee, den "Glöckner von Notre Dame", Victor Hugos großen Roman, eine der ungewöhnlichsten und schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur, als Musical auf die Bühne zu bringen. In der überwältigenden Architekturkulisse des Schweriner Dominnenhofs. Zu sehr später Stunde unter nächtlichem Sternenhimmel.
    Der Glöckner von Notre Dame - ein Sommernachtstraum, den Autor und Regisseur Peter Dehler, wie im "Faust"-Vorspiel angemahnt, tatsächlich als ein Stück in Stücken gibt ("Solch ein Ragout, es muß euch glücken!") Seine Inszenierung spielt mit dem Gestus des Volkstheaters. Bänkelsänger (Bettina Schneider, Johann Zürner) treiben die Geschichte um den missgestalteten und missbrauchten Quasimodo hoch oben auf seinem Turm und seiner hoffnungslosen Liebe zur schönen Zigeunerin Esmeralda immer wieder voran. Sie kommentieren, erzählen, moralisieren. Dehler scheut auch nicht davor zurück, dem großen dramatischen Dialog folkloristisch angehauchte Zigeunerromantik folgen zu lassen oder mit Musical-Pathos richtig dick aufzutragen. Als hätte sich das Phantom der Oper von der Alster an den Schweriner See verirrt. Doch immer, wenn die Inszenierung Gefahr läuft, in Rührseligkeit abzugleiten, spielt das Ensemble, im augenzwinkernden Einverständnis mit dem amüsierten Publikum, gegen die unerhörte, herzzerreißende Geschichte an.
    So scheint Jörg Zirnsteins verkappter Dichter Gringoire geradewegs den urkomischen Handwerkerszenen aus Shakespeares "Sommernachtstraum" entstiegen zu sein. Auch Klaus Bieligk als väterlicher Zigeunerkönig Clopin steht das Hippie-Kostüm weitaus besser als die Robe des mordsgefährlichen Herrschers in den Katakomben von Paris.
    Judith Raabs Esmeralda wirbelt so temperamentvoll, so glutäugig und stolz über die Bühne, dass dem bigotten Diakon Frollo (Gottfried Richter) gar nichts anderes übrig bleibt, als sich zu verlieben, und, weil das seinem Selbstbild widerspricht, sie zugleich zu hassen.
    Wahrlich furchterregend hässlich kommt Nils Brück als Quasimodo daher. Doch hinter der Figur des dümmlich radebrechenden, humpelnden, von der Natur so grausam bestraften Monsters blickt immer auch die warmherzige, nach Liebe schreiende Kreatur hervor. Brück spielt Herz gegen Maske aus, und das Herz gewinnt.

    Es gibt eine dritte Hauptrolle in diesem Stück: das Ballett, dem die Inszenierung traumhaft schöne Bilder, getanzte Kommentare und die Opulenz verdankt, ohne die ein Musical nun mal nicht auskommt. John R. Carlson hat eine Musik komponiert, die zwischen Gassenhauer, Zigeunerweisen und Broadway changiert, mal sentimental klingt, mal deftig wie auf dem Tanzboden. Also gerade recht für ein Theaterspektakel in einer warmen Sommernacht.

    Holger Kankel

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