| Das Phantom vom Dom Premiere für "Der Glöckner von Notre Dame" am Schweriner Theater
Theaterferien? Die Schaubühne, als im Sommer geschlossene Anstalt
betrachtet? Die Zeiten sind vorbei.
Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin spielt in diesen heißen Tagen
wie entfesselt: Zwischen großer Oper
("La Traviata"), Theater für Kinder ("Es war einmal") sowie zwei Klassikern
im August (Goldonis "Diener zweier Herren" und
Shakespeares "Othello") erlebte am Freitag im Dominnenhof eine Neu-
fassung der unsterblichen Geschichte des Glöckners von Notre Dame ihre
Premiere - als Musical.
Von Holger KankelSo wie beim "Faust", im "Vorspiel auf dem Theater", könnte
es gewesen sein. Direktor Kümmritz sitzt beim Roten mit seinem
Theaterdichter Dehler beisammen, Komponist Carlson kommt hinzu - und
schließlich spricht der Chef sein Machtwort: "Wer vieles bringt, wird
manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus." Und also
reift die Idee, den "Glöckner von Notre Dame", Victor Hugos großen Roman,
eine der ungewöhnlichsten und schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur,
als Musical auf die Bühne zu bringen. In der überwältigenden
Architekturkulisse des Schweriner Dominnenhofs. Zu sehr später Stunde unter
nächtlichem Sternenhimmel.
Der Glöckner von Notre Dame - ein Sommernachtstraum, den Autor und
Regisseur Peter Dehler, wie im "Faust"-Vorspiel angemahnt, tatsächlich als
ein Stück in Stücken gibt ("Solch ein Ragout, es muß euch glücken!")
Seine Inszenierung spielt mit dem Gestus des Volkstheaters. Bänkelsänger
(Bettina Schneider, Johann Zürner) treiben die Geschichte um den
missgestalteten und missbrauchten Quasimodo hoch oben auf seinem Turm und
seiner hoffnungslosen Liebe zur schönen Zigeunerin Esmeralda immer wieder
voran. Sie kommentieren, erzählen, moralisieren. Dehler scheut auch nicht
davor zurück, dem großen dramatischen Dialog folkloristisch angehauchte
Zigeunerromantik folgen zu lassen oder mit Musical-Pathos richtig dick
aufzutragen. Als hätte sich das Phantom der Oper von der Alster an den
Schweriner See verirrt. Doch immer, wenn die Inszenierung Gefahr läuft, in
Rührseligkeit abzugleiten, spielt das Ensemble, im augenzwinkernden
Einverständnis mit dem amüsierten Publikum, gegen die unerhörte,
herzzerreißende Geschichte an.
So scheint Jörg Zirnsteins verkappter Dichter Gringoire geradewegs den
urkomischen Handwerkerszenen aus Shakespeares "Sommernachtstraum" entstiegen
zu sein. Auch Klaus Bieligk als väterlicher Zigeunerkönig Clopin steht das
Hippie-Kostüm weitaus besser als die Robe des mordsgefährlichen Herrschers
in den Katakomben von Paris.
Judith Raabs Esmeralda wirbelt so temperamentvoll, so glutäugig und stolz
über die Bühne, dass dem bigotten Diakon Frollo (Gottfried Richter) gar
nichts anderes übrig bleibt, als sich zu verlieben, und, weil das seinem
Selbstbild widerspricht, sie zugleich zu hassen.
Wahrlich furchterregend hässlich kommt Nils Brück als Quasimodo daher. Doch
hinter der Figur des dümmlich radebrechenden, humpelnden, von der Natur so
grausam bestraften Monsters blickt immer auch die warmherzige, nach Liebe
schreiende Kreatur hervor. Brück spielt Herz gegen Maske aus, und das Herz
gewinnt.
Es gibt eine dritte Hauptrolle in diesem Stück: das Ballett, dem die
Inszenierung traumhaft schöne Bilder, getanzte Kommentare und die Opulenz
verdankt, ohne die ein Musical nun mal nicht auskommt.
John R. Carlson hat eine Musik komponiert, die zwischen Gassenhauer,
Zigeunerweisen und Broadway changiert, mal sentimental klingt, mal deftig
wie auf dem Tanzboden. Also gerade recht für ein Theaterspektakel in einer
warmen Sommernacht.
Holger Kankel
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