| Ein Theater-Joint Kai Hensel fragt im E-Werk: "Welche Droge passt zu mir?" Schwerin • Das Solostück von Kai Hensel (41) provoziert: "Welche Droge passt zu mir?" Der Autor nennt es eine "Einführung". Es ist eine Einführung zum Abgang. David Emig hat den Trip einer "Hausfrau" mit Katrin Huke im Schweriner E-Werk inszeniert. Ein Theater-Joint. Starker Beifall bei der Premiere am Dienstag. Von Manfred Zelt Aus dem blauen Schein tritt sie als Schattenengel mit einem Gefühlssong. Sie schreitet mitten durchs Publikum. Ohne Flügel kehrt sie ganz in Weiß zurück, schätzt die Zuschauer mit herausfordernden Blicken ab und ist die attraktive Frau, die den Gatten und den Sohn liebevoll umsorgt, der es im eigenen Haus anscheinend gut geht. Den Anschein des Glücks aber erhält sie aufrecht durch das Scheinglück von Alkohol bis LSD. "Liebe kostet Kraft", und Hanna kennt den Weg zur Kraft, schöpft sie aus dem Rausch. In dem sie ihre Sehnsüchte erfüllt. "So lange wir danach suchen, bleiben wir lebendig." Es ist bei ihr die Vitalität zum Absturz hin. "Drogen machen angstfrei, schlank, mutig, stark." Sie überblenden Elend im Alltag, in der Familie, in der Welt. Weil die ärmsten Länder Hanf anbauen, sterben dort ein paar Kinder weniger. Das Glück der Drogen als Widerschein des Unglücks. In seinem bitteren Stück über bittere Realitäten jongliert Hensel pointiert mit Doppelsinn, Fakten und Philosophie von Seneca: "Für ein Schiff, das seinen Hafen nicht kennt, weht der Wind nie günstig." Hochintensiv und sensibel für die anspruchsvolle Thematisierung, hat David Emig die Reise ins vorgebliche Paradies inszeniert. Im Klinikklima einer Bühne, die Emig zusammen mit Klaus Keller geschaffen hat. Unterstützt, von einem auf alt getrimmten Familienfilm von Stéphane Maeder. Keine Kopfstände. Emig nimmt den Text als Partitur vor allem für Stimmungsbrüche. Dazu Lichtwechsel, musikalische Schläge, markante Zeichen. Hanna stürmt eine Treppe hoch, die ins Leere führt, sie kreiselt auf einem Drehstuhl, sie fetzt Bilder ihrer Bewusstseinserweiterung auf eine Staffelei. Ein Ei, das ihr im Finderjubel aus der Hand fällt, ist das Fallzeichen für den nahen Endpunkt. Und es herrscht direkte Kommunikation. Immer wieder geht Hanna das Publikum an. Hanna changiert. Katrin Huke illuminiert die Figur auf der Spiel- wie der Erzählebene mit Naivität, Euphorie, Ironie und plötzlichen Ausfällen mitten im Aufgedrehtsein. Sie ist verführerisch wie ein Marketingmodel, sachlich wie eine Pharmaziedozentin. Schmeichelnd und aggressiv, spöttisch und bissig, fröhlich und ernüchtert, lehrt sie das Blendwerk des Trips und offenbart dabei in Wellen zwischen innerem Schweben und äußerem Zittern ihren Verfall. Wahn, Störung, Zerstörung. Ihre Lässigkeit verkrampft, das Außer-sich-geraten wird zum Exitus. Beklemmende Psychosen. Eine Rolle wie eine Droge für eine Schauspielerin. Katrin Huke hat sie kühl, spitz, vibrierend "gezogen". Eine Spitzenleistung. Ein Rausch zum Nachsinnen. "Welche Droge passt zu mir?" ist ab September wieder im E-Werk Schwerin zu sehen.
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