| In den ersten Jahren nach dem Krieg profitiert Schwerin davon, dass sein Theater keine Zerstörungen erlitten hat und sofort spielfähig ist.
Namhafte Schauspieler finden hier vorübergehend ihre Heimstatt (Gisela May, Margarethe Taudte, Fred Düren, Hans-Peter Minetti, Otto und Eberhard Mellies) oder geben Gastspiele (Paul Wegener und Eduard von Winterstein). Lucie Höflich kann für einige Jahre die Ekhofsche Schauspielerakademie wiederbeleben.
Die Kulturpolitik der DDR, darauf gerichtet, ein "neues, sozialistisches Menschenbild" zu schaffen, führt zwar zu tendenziellen Inszenierungskonzeptionen, aber keineswegs zu einförmiger Spielplanauswahl.
Ab Ende der 60er Jahre tauchen die ersten Stücke auf, die einige Seiten der sozialistischen Gesellschaftsordnung kritisch und satirisch beleuchteten, so eine Dramatisierung von Hermann Kants "Aula", Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W.". An eine durch politische Eingriffe ausgelöste tiefgreifende Besucherkrise 1972/73 schließt sich die außergewöhnlich erfolgreiche Schauspielperiode von 1974 bis 1989 mit Christoph Schroth als Schauspieldirektor an. Im dialektischen Spannungsfeld zwischen systemkritischer und systemerhaltender Funktion des Theaters entsteht ein besonderes, sehr produktives Verhältnis zwischen Bühne und Publikum. Mit dem fast 6-stündigen "Faust I und II" erreicht das Schauspielensemble 106 ausverkaufte Vorstellungen im Verlauf von 10 Jahren und damit wohl den absoluten Höhepunkt der bisherigen Schweriner Theatergeschichte. Das Schweriner Theater wird Wallfahrtsort für Theaterenthusiasten aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Mit den zwei Jahre nach "Faust" entstehenden "Antike-Entdeckungen" und anderen Inszenierungen darf Schwerin - für DDR-Verhältnisse eine große Ausnahme - in Nancy, Wien, Athen, Delphi und in mehreren westdeutschen Städten gastieren.
Die musikalischen Geschicke des Hauses leiten u.a. die Generalmusikdirektoren Rudolf Neuhaus (1950 - 53), Kurt Masur (1958 - 60), Heinz Fricke (1960 - 62), Klaus Tennstedt (1962 - 69) und Hartmut Haenchen (1976 - 79), die sich in der Musikwelt später einen Namen machen. Dazu kommen als Gastdirigenten u.a. Hermann Abendroth (Ehrendirigent der Staatskapelle), Kyrill Kondraschin, Arvid Jansons, Vaclav Smetacek, Neeme Järvi, Horia Andreescu u.a.
1945 beginnt die erste Nachkriegssaison mit Nicolais Oper "Die lustigen Weiber von Windsor". In den folgenden Jahren werden verstärkt slawische Volksopern gespielt, darunter Mussorgskis "Boris Godunow", Tschaikowskis "Zauberin" und "Mazeppa", Janaceks "Jenufa" und "Katja Kabanowa". Die neuere deutsche Oper ist mit "Die Kluge" von Orff, "Der Günstling" von Wagner-Régeny und "Columbus" von Werner Egk vertreten. Zu Wagner versucht man ein neues Verhältnis zu gewinnen, gibt 1946 "Der fliegende Holländer" und hat 1953/54 außer "Meistersinger" auch die drei ersten Teile des "Ringes" im Spielplan. Opern von Händel, Gluck und Haydn dienen als sinnvolle Repertoire-Erweiterung, wobei mit der Deutschen Erstaufführung und Rundfunkaufnahmen von Haydns "List und Liebe" an den Erfolg von 1932 ("Welt auf dem Monde") angeknüpft werden kann. Herausragend im Solo-Personal: Hanne-Lore Kuhse (1953 - 59, 16 große Partien von Königin der Nacht bis Turandot).
Für die 60er Jahre sind u.a. DDR-Erstaufführungen der "Penelope" von Rolf Liebermann, des "Cardillac" von Paul Hindemith, und von Gottfried von Einems Oper "Dantons Tod" zu verzeichnen (alle unter Klaus Tennstedt), ferner Inszenierungen von Janaceks "Das schlaue Füchslein", der "Salome" von Strauss, der "Katarina Ismailowa" von Schostakowitsch, des "Peer Gynt" von Werner Egk, sowie "Ein wahrer Mensch" von Prokofjew, Uraufführung "Die Weiße Rose" von Udo Zimmermann. Das Ballett bringt, neben mehrteiligen Abenden, "Die Fontäne von Bachtschissarai" von Boris Assafjew, "Gajaneh" von Aram Chatschaturjan, "Eine Tochter Kastiliens" von Reinhold Glièr und "Othello" von Jan Hanus heraus. Operette und Musical werden - neben Altbewährtem - zu einem hohen Anteil aus Neuerscheinungen der DDR und anderer sozialistischer Länder bestritten, unter ihnen einige wenige Publikumserfolge, z. B. "Mein Freund Bunbury" und "Servus Peter" von Gerd Natschinski. Außergewöhnlich ist das besondere Engagement für Opern im Kinder- und Jugendspielplan. Auch in den 70er Jahren bleibt der Spielplan experimentierfreudig: Das Ballett wagt "Schwanensee", die Oper bringt "Der junge Lord" von Hans Werner Henze, "Das schweigende Dorf" von Wilhelm Neef, "Der Prozess der Karin Lenz" von Günter Kochan, "Auferstehung" von Jan Cikker, "Maitre Pathelin" und "Vincent" von Rainer Kunad, "Der zerbrochene Krug" von Fritz Geißler, "Der Arme Konrad" von Jean Curt Forrest, "Leonce und Lena" von Kurt Schwaen. Bemerkenswert am Rande des gängigen Repertoires: "Porgy and Bess" von Gershwin. Die Wagner-Pflege wird u.a. mit "Meistersinger" sowie mit "Rheingold" und "Walküre" fortgesetzt. "Parsifal" erlebt eine konzertante Aufführung. Ein letzter Höhepunkt zahlreicher Bemühungen um zeitgenössische Oper ist 1981 Paul Dessaus "Einstein", denn in den 80er Jahren wird der Aktionsradius des Musiktheaters durch die Baumaßnahmen im Haus, aber auch durch die überragende Rolle des Schauspiels unter Christoph Schroth erheblich beschnitten.
Text: Horst Schwarz-Linek
1918 - 1944 1989 - 2001
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